Arhoolie Records: „40 Years of Down Home Music”

Was verdankt die Kunst ihren Visionären und Idealisten, die „Ihre Sache“, ungeachtet rationaler oder gar wirtschaftlicher Denkweisen, ihrem Instinkt folgend und dem Mainstream trotzend, scheinbar unbeirrt verfolgen? Ich denke gerade sie sind es, die die Materie spannend halten, ihr Farbe und Vielfalt verleihen und gelegentlich auch dafür sorgen, dass die Tradition im Bewusstsein erhalten bleibt und ihre Bedeutung von Zeit zu Zeit ins Gedächtnis zurückgerufen wird.

Chris Strachwitz gehört unbedingt zu jener Fraktion, doch ging es ihm bis heute in erster Linie um die Musik, die die Menschen „zu Hause“, für sich und in ihrem unmittelbaren Umfeld praktizieren. So zieht sich der Faden seiner 40-jährigen Leidenschaft, die einst mit der Faszination und Sammlerei alter 78er und allerlei obskurer Musik begann, durch die wildesten Bereiche authentischer „Down Home Music“.

Im Laufe der Arhoolie Geschichte hat Chris Strachwitz unzählige Musiker der Welt vorgestellt, die ansonsten wohl gänzlich unbekannt geblieben wären. Er war es, der diese Musiker einem internationalen Publikum vorgestellt hat und in diesem Zuge entscheidenden Einfluss auf das Revival der 60er Jahre nahm. Stilistisch führte ihn der Weg zunächst über seine persönliche Vorliebe zum urwüchsigen Blues, zum traditionellen Jazz, Hillbilly, Tejano, Cajun, Zydeco, Gospel, bis hin zu „Sacred Steel Conventions“.

Das erste Arhoolie Album, Mance Lipscombs „Texas Sharecropper“, wurde in dessen Heimatort Navasoto/Texas im Sommer 1959 eingespielt. Der Name Arhoolie übrigens, bedeutet ursprünglich so etwas wie „Field Holler“ = Hoolie, welches sich auf unklare Art und Weise bzw. durch Unklarheiten in der Aussprache in Arhoolie wandelte.

Ein absolutes Schlüsselerlebnis bedeutet für Strachwitz die Begegnung mit Lightnin Hopkins, den er zu dieser Zeit in Houston/Texas kennen lernt. Dessen Auftritte in Houstons Beer Joints, gekennzeichnet von gewaltiger Intensität und Spontaneität, veranlassen Strachwitz zu Aufnahmen mit Hopkins. Strachwitz Wunsch, Hopkins Live, in seinem unmittelbaren Umfeld und in möglichst authentischer Weise auf Band zu bringen, sollte allerdings scheitern.

Eine ganze Reihe weiterer Bluesmusiker finden sich während der 60er Jahre vor Strachwitz Mikrofon ein, unter ihnen Jesse Fuller, K.C. Douglas (Mercury Blues), Black Ace, Big Joe Williams, Fred McDowell, John Jackson und Bukka White.

Doch Chris Strachwitz Interessen breiten sich unterdessen im ländlichen Süden der USA weiter aus. Neben Old Time und Hillbilly Bands wie J.E. Manier, den Hodges Brothers oder den Hackberry Ramblers nimmt Chris Strachwitz zunehmend auch traditionelle Cajun und Zydeco Musiker aus dem französisch-sprachigen Teil Louisianas auf. Seine größte Entdeckung ist hier zweifelsfrei Clifton Chenier (Cousin von Lightnin Hopkins), bekannt als der „King of Zydeco“.

Während der 70er Jahre dann, in Folge regelmäßiger Aufenthalte in der Grenzregion zu Mexico, findet Strachwitz eine neue Passion, die der spanisch-sprachigen Musik dieses Gebietes gewidmet ist. Erste Aufnahmen folgen hier mit den Los Pingünios del Norte, dem Trio San Antonio, Chavela Ortiz oder Don Santiago Jimenez Sr. Mit dem Titel „Ay Te Dejo En San Antonio“, dargeboten von Flaco Jimenez, gewinnt Arhoolie schließlich den ersten zweier Grammys der Firmengeschichte.

Europa Aufenthalte und Besuche bei seinem Freund Johnny Parth (Document Records) führen Arhoolie Records sogar zu Aufnahmen hiesiger „Downhome Music“ wie beispielsweise dem Eibisberger Duo 1967 (Bewohner der Tyrnauer Alm/Steiermark) oder dem Original Herberstein Trio 1971 – „Down Home Music“ made in Europe!

Die Liste der Arhoolie Musiker ließe sich fast unendlich fortsetzen und wahrscheinlich hätte man am Ende noch immer einige nicht erwähnt. Nicht zu vergessen, dass Chris Strachwitz nach wie vor äußerst aktiv sein Handwerk verrichtet – wie immer, in bestechender Ignoranz kommerzieller Trends und wirtschaftlicher Zwänge, doch von unbeschreiblicher Liebe und Hingabe zu seiner Leidenschaft. Dass diese in den vergangenen vierzig Jahren nicht nur unzählige Musiker inspiriert und beeinflusst, sondern ebenso viele grandiose und einzigartige Musiker einem breiten Publikum geöffnet hat verpflichtet uns zu außerordentlichem Dank an einen Individualisten der Sonderklasse – Chris Strachwitz und Arhoolie Records.

Zum Jubiläum erschien eine 5 CD Box mit hervorragend illustriertem Booklet. In chronologischer Abfolge lässt sich darin die Geschichte von Arhoolie in musikalischer, schriftlicher und phantastisch bebildeter Form auf angenehmste Art und Weise nacherleben, ein absolutes Muss für echte Fans traditioneller Musik.

Die Jubiläumsbox „40th Anniversary Collection: 1960 – 2000“ – The Journey of Chris Strachwtz ist u.a. über den Arhoolie Online Catalog – www.arhoolie.com - zu beziehen.

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