Norman Blake – “Traditional Music from the rural South”

Für viele Gitarristen ist und war Norman Blake ein wichtiger Einfluss, äußerst produktiv und engagiert in seinem Metier und in unseren Landen dennoch weitgehend unauffällig und mitunter unbemerkt. Schade möchte man fast schon meinen, treibt seine Musik uns Gitarristen doch unwillkürlich ein gewisses Grinsen ins Gesicht und versorgt uns immer wieder aufs Neue mit Inspiration und Motivation.

Dies scheint auch für ihn selbst wesentlicher Antrieb zu sein - Feinheiten und vermeintliche Kleinigkeiten, Tricks und unerwartete Überraschungen machen seine eigenen Songs als auch scheinbar längst „erschlossene“ Traditionals zu einem spannenden als auch entspannenden Hörerlebnis. „But I guess I`m gonna stay right here, just pick and sing a while. Try to make me a little change and give them folks a smile” lautet die Lyrik in Blake`s “Church Street Blues” – danke schön - bleibt uns da zu antworten und zu hoffen, dass uns Norman Blake noch recht lange begeistert und inspiriert.

Fast fünfzig Jahre bestreitet Blake nun schon seinen Lebensunterhalt mit der Musik, mit seiner Musik und seinem Stil, ohne sich dabei selbst in irgend welche Kategorien ablegen zu wollen – weniger aus Prinzip, als ihm dies egal ist: „It`s just what it is.“ Einordnen lässt sich Blake in einem gewissen Rahmen allerdings schon, zumindest in Bezug auf seine Ursprünge und seine persönliche Vorlieben. Blake ist im wesentlichen ein Traditionalist, „Old fashioned“, wie es seine Landsleute bezeichnen würden, der sich in der „guten alten Zeit“ recht wohl zu fühlen scheint.

Geboren am 10.03.1938 in Sulphur Springs/Georgia und aufgewachsen im nahe gelegenen Rising Fawn an der „Southern Railroad Line“ in einem ländlich/konservativ geprägten Umfeld. In musikalischer Hinsicht waren es vornehmlich lokale Musiker, die seine Kindheit prägten, später dann, fügt Blake die Monroe Brothers, Uncle Dave Macon, Roy Acuff, die Carter Family oder Bradley Kincaid zu seinen stärksten Einflüssen hinzu.

Die Großmutter zeigt ihm ein Open-Tuning auf der Gitarre, die er mit 12 Jahren zu spielen beginnt, und den Titel „Spanish Fandango“, später dann, auf seiner ersten eigenen LP „Home in Sulphur Springs“ (Rounder 0012, 1972) zu finden. Doch seine eigentliche Laufbahn beginnt weitaus früher, nämlich Mitte der 50er Jahre als Mandolinenspieler bei den „The Dixie Drifters“, einer Barndance Band, die für die lokalen Radiosender KNOX Radio, WDOD und WROM-TV in Rome, Georgia bis 1956 aktiv ist. Mit dem Banjo Spieler Bob Johnson nimmt er als „The Lonesome Travellers“ zwei Platten für das renommierte RCA Label auf, um im Folgenden zu „Hylo Brown and he Timberliners“ zu wechseln. Im Jahr 1957 entstehen Aufnahmen für das legendäre Sun-Label in Memphis gemeinsam mit Jerry Lee Lewis (!), die jedoch nicht zur Veröffentlichung kommen (später unter Sun Records – „The Country Years“, Bear Family).

Die US Armee führt den jungen Blake als „Radio Operator“ an den Panama Canal, wo er die Bluegrass Formation „Fort Kobbe Mountaineers“ an Mandoline und Fiddle prägt. Die Band erhält die Auszeichnung „Best Instrumental Group“ und Blake die des „Best Instrumentalist of the Caribbean Command“. Zurück in der Heimat spielt Blake in unterschiedlichen Country und Western Dancebands und gibt Gitarrenunterricht (bis zu 150 Schüler/Woche). Sessions führen ihn regelmäßig nach Nashville, er lernt June Carter kennen und wird Mitglied ihrer Road Band. Dieser Kontakt sollte sich auszahlen, er bringt Blake 1969 zu Johnny Cash`s Summer TV und zu Aufnahmen dessen Albums „Understand Your Man“ als Gitarrist und Dobrospieler. Als im selben Jahr Bob Dylan sein „Nashville Skyline“ Album aufnimmt wird auf Empfehlung auch Norman Blake, ebenfalls an Gitarre und Dobro, ins Studio gerufen. Blake ist somit etabliert, wird Mitglied bei Kris Kristofferson`s Road Band „Silver Tonque Devil“ (Gitarre und Dobro), tourt mit Joan Baez (Gitarre, Mandoline und Dobro) und macht mit beiden Aufnahmen (u. a. „The Night They Drove Ol`Dixie Down“). Des Weiteren folgen Aufnahmen mit John Hartford`s “Aeroplane Band“, mit dem er anschließend über rund 18 Monate im Duo tourt. Für ihr legendäres Album „Will The Circle Be Unbroken“ erhält die „Nitty Gritty Dirt Band“, und Dank seines Mitwirkens auch Norman Blake, die begehrte „Gold Record“ (1973).

In den 70ern dann, sollte Blake`s eigene Karriere in Schwung kommen. Bei seinem zweiten Album „Fields of November“ (Flying Fish 004, 1974) wirkt bereits Nancy Short, eine junge Cellistin aus Missouri mit, die mit ihrer „Natchez Trace Band“ bereits zwei Jahre zuvor als Opener auf Blake gestoßen war. Die beiden starten in eine gemeinsame Zukunft, sowohl privat als auch musikalisch.

Fast dreißig Alben entstanden seit dem in unterschiedlicher Besetzung, meist jedoch unter Mitwirkung von Ehefrau Nancy, die in unnachahmlicher Zurückhaltung vielen Aufnahmen ihren unverwechselbaren Stempel mit aufdrückt. Ob sie dabei Cello, Mandoline, Fiddle, Gitarre oder ihre Stimme bemüht scheint mitunter geradezu unerheblich, gelingt es doch meist, dem Projekt als Ganzem die entscheidende Abrundung und Vollständigkeit zu verleihen.

Gemeinsam mit dem Geiger James Bryan gründen die Blake`s das „Rising Fawn String Ensemble“ und bestreiten über die Jahre hinweg auch zahlreiche Live Shows im Trio. Norman Blake entwickelt sich im Laufe der 80er und 90er Jahre zunehmend zu einer Institution (u. a. „Best Multi-Instrumentalist“ 1986 – Frets Magazine Poll), besonders unter den Flatpickern, wobei er sich niemals rein dieser Spieltechnik verschrieb. Ganz im Gegenteil ist es ihm zu Beginn seines Musikerdaseins fremd die Gitarre mit einem Straightpick, wie das Flatpick damals genannt wurde, zu spielen. Wie bei vielen Old Time Musikern üblich, wurde das Straightpick für die Mandoline benutzt, während die Gitarre mit einem Daumen- und  einem Fingerpick gespielt wurde. Ironischer Weise macht ihn eine seiner Schülerinnen auf Doc Watson aufmerksam, der bereits auf seinen Vanguard Recordings die Flatpicking Technik (zumindest teilweise) einsetzt. Davon inspiriert wechselt darauf hin auch Norman Blake zunehmend zu dieser Technik über.

Interessant auch, dass ausgerechnet Blake`s langjähriger Weggefährte während der 70er Jahre, Dobrospieler Tut Taylor, sehr untypisch sein Instrument mit einem Flatpick spielt.

Unter dessen Mitwirkung, ergänzt durch Sam Bush, Jethro Burns, Dave Holland, Vassar Clements, Butch Robbins und Norman Blake bringt der Musikliebhaber Hank Deane 1975 eine Mischung bunt zusammengewürfelter Musiker ins Sudio. Die entstandenen acht Titel dieser „HDS Session“ (Flying Fish 701) dokumentieren in faszinierender Weise die Verschmelzung verschiedener Stilistiken, von Bluegrass bis Jazz, zu einer neuen Art von „Modern Acoustic Music“. In dieser Konstellation einzigartig, sollte dieser Weg, nicht zuletzt Dank Musikern wie David Grisman, bis heute weiterentwickelt und verfeinert werden.

Norman Blake hingegen blieb weitgehend der Tradition anhängig, zumindest in seinen Wurzeln, ohne dabei jedoch still zu stehen oder auf eigene Einflüsse verzichten zu wollen. Sechs Grammy Award Nominierungen als „The Best Traditional / Folk Recording“ sind bestes Zeugnis für die Verdienste Norman Blake`s in seinem Genre. Nominierungen erhielten die Produktionen Norman and Nancy Blake: “Blind Dog“ (Rounder 0254, 1990), „Just Gimme Something I`m Used To Do“ (Shanachie 6001, 1993), „While Passing Along This Way“ (Shanachie 6012, 1995), „The Hobo`s Last Ride” (Shanachie 6020, 1996), sowie nach der Trennung von Frau Nancy unter seinem alleinigen Namen: “Chattanooga Sugar Babe” (Shanachie 6027, 1998) und „Far Away, Down On A Georgia Farm“ (Shanachie 6045, 1999).

Rein daran gemessen erscheinen die 90er Jahre als Blake`s bisheriger Höhepunkt, doch wäre es vermessen, nicht sein Wirken als Ganzes und seine Bedeutung für die Szene insgesamt zu sehen. Seine Songs spiegeln eine Reise durch Americas Kultur und Geschichte wieder, Cowboy Songs und Old Time Standards, Railroad Songs, Gospels, Ragtimes und Traditionals, teils überliefert, teils aus eigener Feder, ohne dabei je den Anspruch technischer Brillanz oder Perfektion in den Vordergrund stellen zu wollen, sondern die Musik als solche.  Dies genau, so Blake, mache für ihn auch den Reiz der alten 78er Schellacks aus die er sammelt, die Glaubwürdigkeit und Authentizität der Musik insgesamt und eben gerade nicht 100%ige Präzision. Aus diesen Quellen, seiner Plattensammlung, alten Büchern, Erinnerungen und Überlieferungen zieht Norman Blake bis heute die Essenz seiner Musik.

So mag für manchen auch Blake`s Gitarrenspiel oberflächlich durchschaubar erscheinen, doch hier heißt es aufgepasst, liegen die Qualitäten, und deren nicht zu knapp, im Detail. Mit dem Nachspielen der richtigen Töne ist man hier noch weit vom Ziel, machen doch allzu oft ausgeklügelte Phrasierungen, Crosspicking Patterns und synkopische Läufe das Salz in der Suppe aus. Kein Wunder also, dass Joel und Ethan Coen für den Soundtrack ihres Erfolgsfilmes „O Brother, Where Art Thou?“ die Cream de la Cream der Country/Bluegrass/Old Time und Bluesszene zusammen trommelten und dabei unweigerlich auch Norman Blake ins Studio riefen. Produziert von keinem geringeren als T-Bone Burnett gaben sich neben Norman Blake dabei Emmylou Harris, John Hartford, Allisson Krauss, Gillian Welch, Ralph Stanley, Chris Thomas King, The Cox Family und etliche andere das Mikrophon in die Hand. Phänomenaler Weise war es dadurch möglich, scheinbar fast vergessene Roots Music und amerikanische Kulturgeschichte einer breiten Masse nahe zu bringen, die ohne diesen Umstand keinen Zugang zu dieser Art Musik gehabt hätte. Schön auch dass es darüber hinaus gelang, die heute übliche Kategorisierung „weißer“ und „schwarzer“ Musik, Blues und Folk, Gospel oder Counrty weitgehend aufzuheben und sich auch dahin gehend der Zeit in der der Film spielt (Depression/30er) realistisch anzupassen. Die Bluegass Formation „Union Station“ um Gitarrist Dan Tyminski und Dobrospieler Jerry Douglas bildete die Basis für eine „O Brother, Where Art Thou? – Tour“ im Anschluss des Filmes mit fast allen der vertretenen Musikern einschließlich Norman Blake.

Vor allem die jüngeren Einspielungen der 80er und 90er Jahre weißen meist kleinere Besetzungen oder gar Solo Acts auf: „There are subtleties and all kind of odd things you can get into by yourself that you don`t do with groups. It`s the bluesman approach”, so Blake in einem Interview mit dem amerikanischen Acoustic Guitar Magazine. Dennoch geben neben den vielfältigen Aufnahmen mit Frau Nancy gerade die Co-Produktionen mit Tony Rice, Doc Watson oder Western Swing Gitarrist Rich O`Brien die Anpassungsfähigkeit und Vielseitigkeit Blake`s wieder. Auf seiner jüngsten Produktion „Flower from the Fields Of Alabama“ (Shanachie 6053, 2001) liefert uns Blake eine bunte Mischung amerikanischer Roots Music in äußerst relaxter Atmosphäre. Vertreten dabei sind unter anderem Klassiker wie „Salty Dog“ oder „Sitting On Top Of The World“ (s. AG 2/02). Während die früheren Einspielungen mit einer guten Menge Power und Energie die Fähigkeiten des Norman Blake demonstrieren, scheint sich der Mann mit zunehmendem Alter immer mehr auf seine außerordentliche Erfahrung, Gelassenheit und Routine verlassen zu können ohne dabei Abstriche in der Qualität hinzunehmen. Auch in der Wahl seines Handwerkszeug spiegelt sich dies wieder – großvolumige Martin Dreadnoughts aus den 30er Jahren, teils in 12-, teils in 14-bündiger Ausführung und langer Mensur sind zwischenzeitlich kleineren Modellen mit kurzer Mensur gewichen. So ist Blake in den vergangenen Jahren fast ausschließlich mit 00 Martins bzw. L-Form/Nick Lucas Gibsons zu bewundern. Neuere Instrumente sind gelegentlich zwar vertreten bilden aber, ähnlich der Wahl seiner Songs, insgesamt die Ausnahmen – er ist nun mal „A little bit Old Fashioned“. Schade nur, dass Norman Blake hier zu Lande nie zu bewundern ist, in USA hingegen ist der nunmehr 64-jährige noch immer regelmäßig live zu erleben. Die entsprechenden Tour Daten sind u. a. der Webseite seines Managements (www.somagency.com) zu entnehmen.

 

Norman Blake Audio Recordings:

Home In Sulphur Springs (Rounder 0012)

The Fields Of November (Flying Fish 004)

Old And New (Flying Fish 010)

HDS Session (Flying Fish 701)

Darlin` Honey (County 755-4)

Live At McCabes (Tacoma 1052)

Directions (Tacoma 1064)

Whiskey Before Breakfast (Rounder 0063)

Blackberry Blossom (Flying Fish 047, Rounder Re-release 2000)

The Rising Fawn String Ensemble (Rounder 0122)

Full Moon On The Farm (Rounder 0144)

Original Underground Music From The Mysterious South (Rounder 0166)

Nashville Blues (Rounder 0188)

Lighthouse On The Shore (Rounder 0211)

Norman and Nancy Compact Disc (Rounder 11505)

Blake/Rice (Rounder 0233)

Slow Train Through Georgia (Zusammenstellung, Rounder 11526)

Takoma Plus One (Zusammenstellung, Takoma 7126)

Natasha`s Walz (Zusammenstellung, Rounder 11530)

Blind Dog (Rounder 0254)

Blake/Rice 2 (Rounder 0266)

Fields Of November/Old And New (Zusammenstellung, Flying Fish 70004)

Just Gimme Something I Used To (Shanachie 6001)

While Passing Along This Way (Shanachie 6012)

The Hobo`s Last Ride (Shanachie 6020)

Chattanooga Sugar Babe (Shanachie 6027)

Norman Blake And Rich O`Brien “Be Ready Boys” (Western Jubilee Recording Co.)

Far Away, Down On A Georgia Farm (Shanachie 6045)

Flower From The Fields Of Alabama (Shanachie 6053)


 

Videos:

Norman Blake & Rising Fawn String Ensemble (Ramblin`)

Planet Rider (Central Sun Video)

Norman Blake Guitar Techniques (Lehrvideo, Homespun)

The Mandolin Of Norman Blake (Lehrvideo, Homespun)

My Dear Old Southern Home (Shanachie 208)

Norman & Nancy Blake – The Video Collection 1980 – 1995 (Vestapol 13059)

Norman Blake Guitar Technique 2 (Lehrvideo, Homespun)

 

Bücher:

The Norman Blake Anthology (MelBay)

 

Eine Auswahl der wichtigsten Norman Blake Gitarren:

193(4)?           14-bund Martin D-18

1934               12-bund Martin D-18

1933               12-bund Martin D-28

1934               14-bund Martin D-28

1989               12-bund Santa Cruz Dreadnought

ca. 1929          12-bund Martin OO-45

1931               12-bund Martin OOO-28

ca. 1930          12-bund Martin OOO-45

1936               14-bund Gibson L-OO/L-1

1928               12-bund Gibson Nick Lucas

1944               12-bund Martin 00-40H (converted)

1933               14-bund Gibson Century

199?               12-bund John Arnold OOO „Martin Style“ mit höheren Zargen, kurze Mensur, Mahagohny Boden/Zargen

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