BIG BILL BROONZY (William Lee Conley Broonzy ca. 1898-1958)

Sehr viele Musikstile werden mit einer bzw. einigen wenigen "Vaterfiguren" assoziiert. Wer denkt z.B. bei Rock n Roll`nicht automatisch sofort an Elvis Presley oder bei der Protest-Folkbewegung der 60er an Joan Baez, Bob Dylan usw. Ein Musiker der im Laufe seiner Karriere sehr verschiedene musikalische Zeiten und Stile durchlebt und vor allem mitgeprägt hat ist BIG BILL BROONZY.

Im musikalischen Rückblick ist Broonzys bedeutendster Einfluß in den 30er und 40 er Jahren zu sehen, einer Zeit in der sich in den Großstädten der USA der Blues veränderte und sich in einer neuen Form herausbildete. BIG BILL BROONZY lebte zu dieser Zeit in Chicago und sollte in diesen Jahren die Entwicklung des Chicago Blues entscheitend mitbestimmen. Wie die meisten seiner damaligen Kollegen war auch er aus dem Süden in den industrialisierten Norden gekommen.

Geboren wurde er in Scott,Mississippi als eines von 17 Kindern, seine Eltern hatten noch auf den Plantagen als Sklaven gedient. In der Familie wurde musiziert, z.T. auf einfachen selbst gebauten Instrumenten, und so hatte Bill bereits mit 14 Jahren seine ersten Auftritte bei denen er meistens Gitarre oder Mandoline spielte. Nach seiner Zeit bei der Army heiratete er im Alter von 22 Jahren, zog nach Arkansas und schließlich in den 20er Jahren nach Chicago. Dort entstand sehr schnell eine relativ große Musikerclique der z.B. Tampa Red, Lonnie Johnson, Memphis Minnie, Kokomo Arnold, Sonny Boy Williamson, Big Maceo, Jimmy Yancey, Georgia Tom und Big Joe Williams angehörten. Sie verdienten ihr Geld bei House-Partys, als Strassenmusiker und ab Mitte der 30er Jahre, als die ersten Clubs wieder öffneten, natürlich in Chicagos Southside. Zwischen den Musikern bestand ein reger musikalischer Austausch, wobei Big Bill wegen seiner Fähigkeiten als Songwriter und Arangeur eine Führungsrolle besaß. Die Besetzungen variierten, auch Spieler mit eigenen Bands spielten meistens noch in diversen anderen Formierungen um einigermaßen über die Runden zu kommen. BIG BILL BROONZY wurde sehr oft von Pianisten wie z.B. Blind John Davis, sowie Klarinette und Trompete begleitet. Dies waren die Anfänge des ChicagoBlues, allerdings spielte die elektrische Gitarre, die heute sehr entscheident mit dieser Musik in Verbindung gebracht wird noch keine Rolle. Als diese in den vierziger Jahren mehr und mehr Einzug hielt und Leute wie Muddy Waters oder Howlin Wolf in den 50er Jahren ihre ersten Erfolge in Chicago feierten war BIG BILL BROONZY bereits auf Europa Tournee, doch weniger als Vertreter des Chicago Blues, sondern als Folk-Musiker, der sich auf der akustischen Gitarre selbst begleitete. Stücke wie John Henry, Glory of love, Swing low sweet chariot, Black, Brown or White oder This train sind typisch für diese Phase. In der Zeit zwischen 1925 und 1952, in der BIG BILL BROONZY ca. 250 Titel aufnahm, durchlief er eine ähnliche Entwicklung wie z.B. auch Sonny Terry und Bownie Mc Ghee, die ihre Laufbahn noch bis in die 80er Jahre zusammen fortsetzten. Wie sie begann auch er seinen Weg tief im Süden, in ländlich armen Verhältnissen, mit Country Blues, Spirituals undGospel. In den Großstädten des Nordens vermischte sich dies mit Einflüssen des Jazz, dort entwickelte sich über unterschiedlichste Besetzungen der Großstadtblues. In den 50er Jahren war BIG BILL BROONZY einer der wenigen frühen Country Blues Musiker der Dank seiner Flexibilität nicht in der Versenkung verschwand. In diesen, seinen letzten Jahren, prägte er entscheident die Folk-Bewegung ohne Rücksicht auf Klischees von schwarzer und weißer Musik, ohne sich in irgend eine Schublade stecken zu lassen - als Persönlichkeit auf der Bühne, die aufgrund der musikalischen Qualität und Überzeugung niemals in Frage gestellt werden kann. Hört man sich Aufnahmen von Big Bill an, egal aus welcher Zeit sie stammen, so spiegeln sie alle einen gewissen Optimismus und eine positive Ausstrahlung wieder. Er passt nicht ins Bild des leidenten, klagenden Bluesmannes, sondern gilt vielmehr als Vertreter des "happy blues". Die Texte zeichnen ihn als ausgezeichneten Geschichten-Erzähler aus, als Poet der in der Lage ist, sich in seiner Musik auszudrücken.

BIG BILL BROONZY ist eine Schlüsselfigur im Bereich Country Blues /Folk Blues, Chicago Blues und der Folk Bewegung, die mit über 300 geschriebenen Songs eine Sonderstellung einnimmt. Es gibt unzählige Veröffentlichungen, eine Empfehlung fällt da schon äusserst schwer. Am ergreifendsten sind für mich seine ganz frühen Aufnahmen. Einen herlichen Überblick seiner "New York Recordings" Anfang der 30er Jahre und vor allem seiner bedeutenden Zeit in Chicago zwischen 1937 und 1940, z.T. mit Schlagzeug, Bass, Bläsern und Piano, erhält man auf der CD "Good Time Tonight" aus der Roots `n`Blues Serie von Columbia.

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