BLIND BOY FULLER (Fulton Allen, 1907-1940)

Jede Musikrichtung wird letztendlich von einem bestimmten Sound geprägt. Zum einen von Arrangement und Aufbau etc., zum anderen vom charakteristischen Klang der typischen Instrumente, die, je nachdem, Verwendung finden. So assoziiert man frühe Blues und Ragtimemusik sehr schnell mit Klavier, Blasinstrumenten und natürlich dem urigen Gitarrenklang, der je nach Aufnahmequalität und Instrument dieser Musik seinen klanglichen Stempel aufdrückt.

Wer es sich leisten konnte, verwendete wegen ihrer Lautstärke und robusten Bauweise "Nationals", Resonatorgitarren, die ab 1928 den Gitarrenmarkt der USA für einige Jahre entscheidend mitbestimmen sollten.

Ein Musiker jener Zeit, der untrennbar mit diesem Instrumententyp verbunden war, ja ausschließlich mit Nationals aufnahm und spielte, war BLIND BOY FULLER: Aufgewachsen in einer eigentlich völlig unmusikalischen Familie, kam auch er, wie so viele andere bedingt durch eine Sehschwäche, notgedrungen zur Musik.

Mitte der 20er Jahre zog seine Familie nach Rockingham, North Carolina. Kurz vor seiner völligen Erblindung, im Alter von ungefähr 20 Jahren, lernte er Cora Mae Martin kennen, damals gerade 13 Jahre alt - ein Jahr später wurde geheiratet. Ende dieses Jahrzehntes zogen die beiden in die großen Tabak-Zentren, zunächst nach Winston-Salem (dort wurden schon damals die Zigaretten mit dem großen braunen Tier auf der Verpackung hergestellt), wo die zwangsläufig stark vertretene Arbeiterklasse ein dankbares Publikum für Straßenmusiker darstellte. Bis Mitte der 30er Jahre erspielte sich Fulton Allen seinen Lebensunterhalt vor den Toren der Tabakfabriken, in Cafes oder Bars.

James Baxter Long, Manager einer Kette von Plattenläden in North Carolina, war damals einer der aktiven Kräfte, die im Auftrag der Plattenfirmen ständig auf der Suche nach Talenten waren. Man hatte die schwarze Bevölkerung als potentielle Klientel mit bedeutender Kaufkraft für diesen Markt entdeckt. Platten von z. B. Blind Blake, Blind Lemon Jefferson und Memphis Minnie verkauften sich bereits seit Jahren prächtig. Als Cora Mae Martin und Fulton Allen ihren Wohnsitz schließlich nach Durham verlegten, wo auch J. B. Long ansässig war, konnte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis Long auf Allen traf und ihn unter Vertrag nahm. Zwischen 1935 und Fullers Tod 1940 entstanden 135 Titel, sowohl solistisch als auch in Begleitung einer zweiten Gitarre, Waschbrett oder Mundharmonika. Bereits in der ersten Aufnahmesession im Sommer 1935 war ein, aus heutiger Sicht, sehr bedeutender Gitarrist mit nach New York gekommen - Blind Gary Davis. Außerdem war noch Fulton Allens Begleiter George Washington, selbst Gitarrist und hervorragender Waschbrettspieler, sowie Longs Frau und Tochter dabei, denn man verband bei dieser Gelegenheit diese Reise mit dem fälligen Sommerurlaub.

Auf der Fahrt wurde kurzerhand beschlossen, aus verkaufsfördernden Gründen Allens bürgerlichen Namen in BLIND BOY FULLER und den von Washington in BULL CITY RED zu ändern. Einer der ganz großen Titel dieser Session war "Baby you gotta change your mind" im Trio mit Gary Davis und Bull City Red, ein Stück sehr charakteristisch für den "Piedmont Style". In der Musik des Südens und Südostens spiegelte sich die leichtere und unbekümmertere Lebensart dieser Region stets wieder, sie war swingend und sehr rhythmisch. Schwere, tragende Blues, wie sie von den Delta-Blues-Leuten gespielt wurden, waren in Fullers Repertoire weniger zu finden. 1937 ging es dann erneut nach New York; diesmal war als zweiter Gitarrist Floyd Council mit von der Partie.

Weitere Aufnahmesessions folgten in Memphis und Chicago bis zu Fullers Tod 1940. Die freundschaftliche Verbindung zu J. B. Long machte die Quantität und Qualität seiner Aufnahmen wohl überhaupt möglich, selbst beim Schreiben neuer Stücke war Long behilflich. Bereits 1934 hatte Fuller Sonny Terry auf der Straße kennengelernt, sein unverkennbares Mundharmonikaspiel ist auf einigen der späteren Fuller-Aufnahmen nicht zu überhören. Nach Fullers Tod versuchte J. B. Long, Brownie McGhee unter dem Pseudonym BLIND BOY FULLER #2 zu etablieren, was jedoch (und auch Gott sie Dank), nicht von großer Dauer war. Jener tat sich statt dessen mit Fullers Ex-Mitstreiter Sonny Terry zusammen und startete somit die 40-jährige Partnerschaft des vielleicht populärsten Folk-Blues-Duo aller Zeiten: SONNY TERRY & BROWNIE McGHEE!

Die Musik von BLIND BOY FULLER ist sehr stark geprägt vom Klang seiner National Duolian (Bei den früheren Aufnahmen handelt es sich um eine 12-Bund, die exakt der entspricht, die auf dem AKUSTIK GITARRE-Titelbild 1/95 zu sehen ist. Später verwendete er ein 14-Bund Modell.). Der große Erfolg seiner Veröffentlichungen hängt sowohl mit der stilistischen Vielfalt seiner Stücke als auch der Professionalität von Gitarrenspiel und Gesang zusammen.

Inspiriert von Blind Willie McTell oder Blind Blake war er in der Lage, seiner Musik einen hohen Wiedererkennungseffekt zu verleihen. Einen guten Eindruck seiner Musik erhält man von der in der Serie ROOTS ´N BLUES erschienenen CD “Blind Boy Fuller - East Coast Piedmont Style” - No. 46777.

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