Jesse „Lone Cat“ Fuller (Jesse Fuller 12.03.1896 – 29.01.1976)

 

Der San Francisco Bay Blues war bereits 1962 ein echter Hit, erreichte sogar Platzierungen in den englischen Charts und sollte bis heute zum uneingeschränkten Markenzeichen Jesse Fullers werden. Selbst Barbara Dane, Bob Dylan oder Eric Clapton scheuten sich nicht, diesen Westcoast-Strassenfeger der Folkbewegung freudigst zu interpretieren.

Es ist nun einmal ein „Gute Laune Stück“, wenn gleich die Geschichte einer verlorenen Liebe darin beschrieben, aber gleichzeitig die Hoffnung auf ein Wiedersehen geweckt wird – die Reflektion Fullers unbändigem Optimismus. Dieser hatte sich nämlich nie unterkriegen lassen und sein Leben, ohne Rast und Ruhe, über unzählige Stationen, stets selbst in die Hand genommen – es wurde belohnt, wenn auch spät, ein Happy End also, ganz im Stile Hollywoods.

Doch zurück in die konservativen und von Rassismus geprägten Süsstaaten des vorletzten?!? Jahrhunderts, wo Jesse Fuller 1896 in Jonesboro, nahe Atlanta, geboren wurde. Seinen Vater hatte er nie gekannt und die Mutter brachte den Jungen bei verschiedenen Verwandten unter. Davon wenig begeistert machte sich der junge Jesse im Alter von erst zehn Jahren dann auch auf den Weg, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Das nahe gelegene Atlanta bot dafür zunächst beste Voraussetzungen, der Weg führte weiter über Cincinnati (1918) und schließlich, Anfang der 20er Jahre, ins hoffnungsvolle Kalifornien. Trotz seiner Herkunft verkörperte Fuller stets den Großstadtmenschen und zog Hilfsarbeiterjobs in Werften, Fabriken und bei der Eisenbahn der Landarbeit vor. Er blieb der ewige Traveller, besaß einen Hot Dog Stand in Santa Monica, einen Schuhputzstand in Los Angeles und verkaufte selbst gebastelte Holzschlangen. Wenig war dabei von großer Dauer, doch vermochte es Fuller, immer wieder unterzukommen und seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

In den Zwanzigern, als Hilfskraft in den Filmstudios Hollywoods tätig, war er in etlichen Filmen als Statist zu sehen, darunter „The Thief Of Bagdad“, „East Of Suez“, „Hearts in Dixie“ oder „End Of The World“. Ein Job bei der Southern Pacific Railroad brachte ihn Ende der 20er dann nach Oakland, Anfang der 40er Jahre ging Fuller schließlich, als Werftarbeiter, nach San Francisco.

Nach eher unbedeutenden musikalischen Aktivitäten in der Vergangenheit beginnt nun der eigentlich spannende Teil dieser Geschichte. Erste regelmäßige Auftritte, unter anderem an der Seite von Leadbelly, zu unterschiedlichen Anlässen und Gelegenheiten, führten Mitte der 50er Jahre zu ersten kommerziellen Einspielungen. Bedeutend dabei sind die ersten Aufnahmen für das Good Time Jazz Label, 1958 in Los Angeles entstanden. Weitere Recordings für Bluesville, Prestige, Folk Lyric und wiederum für das Good Time Jazz Label folgten, darunter der legendäre San Francisco Bay Blues im Jahre 1962.

Leid der Problematik ständig passende Mitmusiker finden zu müssen beschloss Fuller 1951, diese Jobs in Form einer „One Man Band“ fortan selbst zu bestreiten. In einer abenteuerlichen, selbst gebauten Konstruktion vereinte er dabei folgende Instrumente: 12-saitige Gitarre, Mundharmonika, Kazoo, High Hat/Cymbals, Microphon und seine persönliche Erfindung, die Fotdella. Hierbei handelte es sich um einen Resonanzkörper in Größe und Form eines Kontrabasses (ohne Hals), der mit sechs Saiten bespannt war. Eine Fußmaschine mit sechs Hämmern wurde dabei mit dem großen Zehen des rechten Fußes bedient und schlug so, im Funktionsprinzip eines Pianos, die einzelnen Saiten an. Der linke Fuß bediente die Perkussion und in einem klassischen Mundhamonikahalter waren eben diese, Kazoo und Microphon untergebracht. Die Originalität der Darbietung war damit in unnachahmlicher Weise gegeben und öffnete so (neben Fullers künstlerischen Fähigkeiten) die Tür für etliche Auftritte in amerikanischen TV Shows und Radio Sendungen.

In seiner Musik vereinte Jesse Fuller Blues, Jazz und Ragtime, die Musik, mit der er in seiner Kindheit aufgewachsen war und die er bereits früh auf Platten von Blind Blake, Texas Alexander, Lonnie Johnson u.a. gehört hatte. „I am no Christian“ sagte er einmal, distanzierte sich Zeit Lebens von der Kirche und wollte auch Einflüsse von Spirituals und Gospel nicht in seine Musik einfließen lassen.

Mit über sechzig Jahren wurde Fuller schließlich fester Bestandteil des Folk-/ Bluesrevivals und war auf fast allen bedeutenden Festivals vertreten. Sein Weg führte ihn dabei auch nach Europa (z.B. 1960/61 mit Chris Barber), wo unter anderem für das Fontana Label in London weitere Plattenaufnahmen entstanden. Auch in Kurz- und Dokumentarfilmen („Jesse Lone Cat Fuller“ 1968 oder „Roots of American Music: Country and Urban“ 1971), sowie verschieden Filmaufnahmen ist Fuller in Aktion festgehalten.

In den 70er Jahren erschwerte die angeschlagene Gesundheit des nun Mitte siebzig jährigen die musikalischen Aktivitäten zunehmend - live war er zum letzten mal beim San Francisco Blues Festival 1974 zu bewundern.

„I got a mind to ramble and I don`t want to settle down“ heißt es in einem seiner Lieder - der auf seine Art geniale und rastlose Individualist starb am 29.01.1976 an Herzversagen.

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