Bound for Glory

Woody Guthrie (1912 - 1967)

 

Woody Guthrie, geboren 1912 als Woodrow Wilson Guthrie, ist zweifelsfrei ein Musiker, der eng verknüpft mit seinem sozialen und politischem Engagement schnell in der entsprechenden Schublade landet. Wenigen ist jedoch bekannt, dass er künstlerisch weit breiter gestreut auf unterschiedlichen Feldern tätig war.

 Als Ikone der Protestbewegung, des kleinen Mannes, des Arbeiters, des Unterdrückten und des Chancenlosen galt er zeitlebens und lange darüber hinaus als das personifizierte Sprachrohr des proletarischen Amerikas. John Steinbeck brachte es einst auf den Punkt: „Woody ist einfach Woody. Er singt die Lieder eines Volkes, und ich habe den Verdacht, er ist irgendwie dieses Volk“. Seine geradezu unantastbare Glaubwürdigkeit ist ihm dabei eng behaftet, er wusste wovon er sang und erzählte, er lebte dieses Leben, war Teil dessen und verzichtete darauf, dessen Realität in irgend einer Art und Weise zu verherrlichen. Seine patriotisch-optimistische Einstellung ließ er sich dabei nie nehmen, vertrat seine marxistisch ausgerichtete Weltanschauung gar in kommunistischen Zeitungen und bettete seine seelische Lebensgrundlage auf religiösem Glauben. Als überzeugter Sozialist kämpfte er für die Rechte der Unterschichten, die Unterstützung der Gewerkschaften, die Solidarität unter den Wanderarbeitern und den Humanismus. In seiner Überzeugung war er allzeit unbeugsam und stärkte so den Willen des Volkes, der Unterdrückung Stand zu halten. Unter dem Hintergrund der laufenden Weltwirtschaftskrise (1929) traf er dabei den Nerv der Zeit und die Herzen der Halt suchenden Bevölkerung. Herauszuheben war dabei seine einzigartige Authentizität - ungekünstelt, klar, offen und direkt. Es entstand ein Bild des realen Amerikas unter Verzicht glorifizierender Schönmalerei á la Hollywood.

 Nach dem Tod seiner Eltern zog es ihn bereits als Jugendlichen hinaus auf die Landstraße. Als ,Dust Bowl Loner’ lernte er die Härten des Alltags am eigenen Körper kennen, wanderte durchs Land und fuhr wie viele Andere auf Güterzügen zum ungewissen Ziel. Mit Mundharmonika und Gitarre zog es ihn schließlich bis nach Kalifornien wo erste Medien Notiz von ihm nahmen. Solch unmittelbare Lebenserfahrung spiegelt sich in seiner Poesie, seiner Lyrik und seinen Bildern wieder. Wenig verwunderlich auch, dass Guthrie bereits 1943 seine Autobiographie ,Bound For Glory’ veröffentlichte. Wer dazu im Alter von nur 31 Jahren befähig ist hat die Sehnsüchte, den Humor, die Tragik  und die Menschlichkeit im Allgemeinen kennen gelernt. Eine Neuauflage ist 2001 in deutscher Sprache unter dem Titel „Dies ist mein Land“ bei Edition Nautilus erschienen.

 Die 20er und 30er Jahre waren bestimmt vom Leben ,On The Road’ - Gelegenheitsjobs, dem Spielen auf den Straßen, in Kneipen und Auftritten bei sozialen und politischen Veranstaltungen. Seine Texte haben die Menschen berührt und gefesselt, das Publikum spürte, dass keineswegs Show und Entertainment, sondern die Botschaft in unverblümter Weise transportiert wurde.  Ende der 30er Jahre lernte er Pete Seeger kennen und gründete mit ihm, sowie Bess Lomax Hawes, Millard Lampell, Arthur Stern und Sis Cunningham die Almanac Singers, eine Vorläufergruppe der Weavers. Zahllose Titel stammen aus der Feder jener Bandmitglieder und wurden zu Beginn der vierziger Jahre eingespielt. Doch bereits vor Kriegsbeginn kam es zu Radioauftritten und ersten Plattenaufnahmen im Auftrag von Alan Lomax für den Library of Congress. Rounder Records veröffentlichte diese Recordings 1964 und schließlich 1989 auf CD.

 Die Kriegsjahre legten ihre Schatten auch über die gesamte Musikindustrie, selbst Schellack war knapp und so kam es, dass sich Produzent Moses Asch mit Herbert Harris zusammen tat um Platten zu produzieren. Es handelte sich um eine echte Zweckgemeinschaft, Asch lag es daran weitere Aufnahmen veröffentlichen zu können, Harris hingegen hatte Zugang zum begehrten Schellack. Als Resultat entstanden etliche Wartime und Postwar Recordings unter dem hierfür gegründeten Asch-Stinson Label. Asch, der nach dem Krieg das legendäre Folkways Label gründete, nahm mit Woody unzählige Titel auf, darunter auch eine gehörige Menge an Kinderliedern. Eine wunderbare Auswahl bis dahin unveröffentlichter Masters der Jahre 1944 bis 1949 erschien 1994 auf dem Smithonian/Folkways Label (,Long Ways to Travel 1944-1949’), siebzehn Titel unter Mitwirkung von Woody’s langjährigem Partner Cisco Houston, sowie Sonny Terry, Bess Lomax Hawes und Butch Hawes. Auch mit Blues- und Folkmusiker Leadbelly entstanden etliche Guthrie Recordings, unter Anderem der Klassiker ,Stewball’ oder Guthrie’s ,Oregon Trail’, einer der vielen Railroad Songs der Zeit. Gerade im Duo mit Cisco Houston verzichtete Guthrie oftmals auf den Gitarrenpart und übernahm Mundharmonika oder Fiddle. Dennoch ist Woody Guthrie gerade für uns Gitarristen ein unumgänglicher Lehrmeister, weniger wegen seiner gitarristischen Virtuosität, nein vielmehr wegen seiner songdienlichen Begleitqualitäten und vor allem auf Grund seiner Lieder und Texte an sich. Generell reiht sich Guthrie vielmehr als Texter wie als Komponist in die folkloristische Musikgeschichte ein. Nicht selten griff er auf bekannte Melodien zurück und versah sie mit eigenem Text  , eine zu jener Zeit weit verbreitete Vorgehensweise. Egal wie, unzählige Guthrie-Songs haben gerade uns Gitarristen über Jahrzehnte hinweg begleitet - saßen nicht die meisten von uns irgend wann vor den Akkorden von ,This Land Is Your Land’ und haben Selbiges lauthals geschmettert?

 Während der 60er Jahre überschlugen sich Veröffentlichungen von Guthrie Aufnahmen. Selbst unheilbar krank, hatte sich der „Alte“ längst zur Kultfigur der Beat-Generation entwickelt und die Jugendbewegung der gesamten westlichen Welt auf den Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit fokussiert. All jene, die während dieser Zeit mit dem Gitarrespielen begannen waren unweigerlich mit Guthrie konfrontiert - die Jüngeren dann, wurden spätestens über Bob Dylan, Joan Baez, Judy Collins, Emmylou Harris, Bruce Springsteen oder letztlich Bono von U2 auf deren Vorbild aufmerksam. Die Gitarre war für Guthrie ein Mittel zum Zweck, ein Begleitinstrument in musikalischer Hinsicht, ein Symbol für Freiheit und Widerstand  und die Waffe, vor der sich Faschisten zu hüten hatten. Auf etlichen der von Guthrie gespielten Instrumente war unübersehbar die Drohung zu vernehmen: ,This Maschine Kills Fascists’. Guthrie ist im Laufe seiner Karriere mit einer Vielzahl unterschiedlicher Instrumente zu sehen, darunter Low Budget Instrumente der Zwanziger und Dreißiger Jahre aber auch Martins (0-15), Gibson L-OO und N-20, sowie während den Vierzigern eine der ersten Bannerhead Gibson Southerner Jumbos, bei der es sich im Übrigen um eine der besonders seltenen Ausführungen in Brazilian Rosewood handelt. Hier ließ sich der offenbar „einfache“ Mann nicht darauf ein, sich auf eine „einfache“ Gitarre zu beschränken. Überhaupt verkörperte er nicht nur das Image des rein traditionellen und einfachen Musikers wie er oft gesehen wird. Gerade die Recherchen der jüngsten Zeit zeichnen ein vielschichtiges Bild einer schwer zu charakterisierenden Persönlichkeit. So schien es Guthrie zu verstehen, sich den Medien geschickt anzupassen und sie sich zum Nutzen zu machen. Anekdoten erzählen ansonsten von einem differenzierten Charakter und beschreiben ihn meist als eigenwilligen Individualisten mit ausgeprägtem Ego, dem stets seine Überzeugung und das ihm grundlegend Wichtige näher waren als Anderes. In wieweit sein später ausgebrochenes Nervenleiden bereits zuvor Einfluss auf seine Persönlichkeit nahm verliert sich im Reich der Spekulation, sicher ist allerdings, das ihm die Krankheit durch seine Mutter auch in ihrer Auswirkung bekannt war.

Aus heutiger Sicht offenbart das Bild des  traditionell-politischen Folkmusikers das allgemein bekannte Guthrie-Image und stellt weitgehend die Basis seiner bis heute anhaltenden Popularität als Sänger und politischem Aktivisten dar. Es bildet aber in keiner Weise das Schaffen und Leben dieses Künstlers im Gesamten ab. Guthrie hinterließ einen überaus beeindruckenden Fundus von rund 3000 unveröffentlichten Texten, Gedichten, Zeichnungen, Bildern, Manuskripten, Photos und Tondokumenten. Er illustrierte seine Bücher durchweg selbst, versah seine Tagebucheintragungen mit vielfältigen Zeichnungen und gestaltete Plattencover und Postkarten in Eigenregie. Nahe des New Yorker Central Parks führt seine Tochter Nora seit 1996 das Woody Guthrie-Archiv und arbeitet im Rahmen diverser Projekte die Hinterlassenschaft ihres Vaters auf. Der englische Songwriter Billy Bragg beispielsweise recherchierte über Wochen hinweg nach geeigneten Guthrie Texten um gemeinsam mit der amerikanischen Band Wilco die CD’s ,Mermaid Avenue’ Vol. 1&2, benannt nach Guthries Adresse auf Coney Island, zu präsentieren. Bassist Rob Wassermann vertonte Tagebucheintragungen Guthries in einem Projekt mit Ani di Franco, Lou Reed sowie Anderen und der Berliner Hans-Eckardt Wenzel wagte sich gar an Übersetzungen von Harry Rowohlt ins Deutsche. Taj Mahal engagierte sich bei Neueinspielungen von Kinderliedern und das Smithonian-Institut in Washington entwickelte die Wanderausstellung ,This Land Is Your Land - The Life And Legacy Of Woody Guthrie’. Nora möchte den Vater im Rahmen ihrer Arbeit weniger als Denkmal verewigen, als vielmehr die Bedeutung seines Werkes in Bezug auf die Gegenwart übertragen. Vieles ist hier nach wie vor in Planung - man darf gespannt sein. Das Woody Guthrie-Archiv steht Besuchern nach Terminabsprache (z. B. über www.woodyguthrie.org) offen.

 1955 erkrankte Woody Guthrie am Nervenleiden Huntington’s Disease, welches ihn bis zu seinem Tod 1967 ans Bett fesselte. Robert Allen Zimmermann klopfte einige Jahre zuvor an Guthries Tür, Sohn Arlo gewährte ihm Eintritt und ermöglichte dem jungen Bob Dylan die Bekundung seiner Ehrfurcht. Sicherlich nur eine kleine Anekdote die den gewaltigen Einfluss Guthries für die Folk- und Protestbewegung der sechziger Jahre bis zum heutigen Tage unterstreicht. Woody Guthrie steht als Urvater aller politischen Bands und Musiker, unbedeutend welcher Stilistik sie angehören mögen. Seine Kunst stellte für ihn die selbstverständliche Ausdrucksform seiner Meinung, Gedanken und Gefühle in musikalischer, lyrischer oder bildhafter Form dar. Dieses Selbstverständnis war somit stets Grundlage seiner Glaubwürdigkeit und Basis aller Anerkennung.  Wer sich näher mit Woody Guthrie beschäftigen möchte, dem sei neben der Autobiographie ,Das Land ist mein Land’ (im Original: ,Bound For Glory’) ergänzend Joe Kleins Biographie ,Woody Guthrie’ (List 2001) an die Hand gelegt.

   

Diskografie LPs, CDs (Auswahl)

‚Ballads Of Sacco And Vanzetti‘ (1961, Folways)

‚Sings With Leadbelly‘ (1962, Folkways)

‚Bound For Glory ‘ (1963, Folkways)

‚Filk Songs‘ (1963, Folkways)

‚Dust Bowl Ballads‘ (1964, Folkways)

‚Woody Guthrie‘ (1964, Folkways)

‚The Library Of Congress Recordings‘ (1964, Rounder - 1989 auf CD)

‚Woody Guthrie‘ (1965, XTRA)

‚This Land Is Your Land‘ (1966, Folkways)

‚Woody Guthrie‘ (1966, Archive Of Folk Music)

‚The Greatest Songs Of Woody Guthrie‘ (1971, Vanguard)

‚The Early Years‘ (1974, Bellaphon)

‚Original Recordings‘ (1977, Warner Bros.)

‚We Ain’t Down Yet‘ (1978, Cream)

‚Dies Ist Mein Land‘ (1978, Pläne)

‚Long Ways To Travel - The unreleased Folkways Masters 1944-1949‘ (1994, Smithonian Folkways)

‚Buffalo Skinners‘ (1999, Smithonian Folkways)

‚Vol. 1- 4 Asch Recordings‘ (2002, 4 CDs)

u.v.m.

 

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