Blind Willie Mc Tell (Willie Samuel McTell ca. 1901-1959)

Edward Rhodes hatte in den 50er Jahren einen Plattenladen in Atlantas Peachtree Street, nicht allzu weit entfernt vom Blue Lautern Club. Die Zeit des Country Blues war eigentlich längst vorbei, doch lief in Eds Laden an diesem Tag im Jahre 1956 vermutlich eine Aufnahme von Leadbelly, als ein Student des nahen Georgia Institute of Technology Ed darauf aufmerksam machte, dass auf dem Parkplatz des Blue Lautern Club ein Musiker genauso spiele wie der Mann auf der Aufnahme, die gerade lief.

Der Zufall wollte es so, dass aus dieser zufälligen Begebenheit die letzten Aufnahmen von Blind Willie McTell entstanden. Ed Rhodes nahm mit McTell Kontakt auf und überredete ihn, für Freunde in seinem Plattenladen zu spielen und etwas über seine Stücke und seine Vergangenheit zu plaudern. Kurze Zeit später verlor Blind Willie mehr und mehr an Stimme und verstarb schließlich 1959 im Alter von ca. 60 Jahren. Der große "Atlanta-12-String-Ragtime-Bluesman" mit der unverwechselbaren, leicht nasalen Stimme hatte rund 30 Jahre hartes Musikerdasein hinter sich - zu einer Zeit, in der es Schwarze im Südosten der USA sicherlich nicht leicht hatten.

Um die Jahrhundertwende geboren, verbrachte Willie Samuel McTell seine Kindheit in der Gegend zwischen Augusta und Savannah, die Jugend in einem Ost namens Statesboro, dem er später einen seiner großen Hits, den "Statesboro Blues", widmen sollte.

In den 20er Jahren hatte sich in Atlanta eine bedeutende Musikerszene entwickelt. Einer der ersten, die damals Aufnahmen machten, war Peg Leg Howell, der sich, nachdem sein Schwager ihm ins Bein geschossen hatte und dieses amputiert werden mußte, der Musik zuwandte. Zusammen mit dem Geiger Eddie Anthony und diversen anderen Musikern waren sie als Peg Leg Howell and his Gang von der berüchtigten Decatur Street nicht wegzudenken. Ein weiterer sehr wichtiger Musiker der Atlantaszene war Georgia Tom Dorsey, der vermutlich mit Blind Willie sogar in verwandtschaftlichem Verhältnis stand. Tom Dorsey ging später nach Chicago und machte dort Aufnahmen mit Tampa Red und Ma Rainey. Zwei Musiker, die über Jahre hinweg mit Blind Willie McTell spielten und aufnahmen, waren Buddy Moss und Curley Weaver. Die ersten Sessions mit Mc Tell machte Ralph Peer 1927 für das Victory-Label, eine weitere für Victor folgte 1929. Ralph Peer war offensichtlich ein Agent, der den Künstlern den Druck nahm und ihnen ausreichend Zeit für die Aufnahmen einräumte. Was Präzision, Klarheit und spielerischen Ausdruck angeht, sind dies vielleicht die professionellsten Aufnahmen McTells. Da das Geld knapp war, ließ Willie sich so einiges einfallen, um verbindlichen Plattenverträgen geschickt aus dem Weg zu gehen. Bereits zwischen den beiden Victor-Sessions nahm er für Columbia Records unter dem Namen Blind Sammy sechs Titel auf. In der folgenden Zeit entstanden Produktionen für Okeh, Atlantic und Vocalion unter verschiedensten Pseudonymen: Blind Sammy, Pig and Whistle Red, Barrellhouse Sammy und Blind Willie.

1940 war Jhon Lomax für den "Library of Congress" in Georgia unterwegs. Durch Zufall wurde er auf Blind Willie McTell aufmerksam und konnte ihn schließlich an einem Barbecue-Stand ausfindig machen. Wie sich John Lomax später erinnerte, willigte McTell sofort ein: "Buisness isn`t so good, I`ll go along with you to your hotel". Lomax war fremd in Atlanta und konnte sich nicht mehr genau an den Weg zu seinem Hotel erinnern, worauf der völlig erblindete Willie ihm antwortete:"I`ll show you the way". Auf der Fahrt zum Hotel machte McTell Lomax auf sämtliche Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke in gastfreundlicher Weise aufmerksam. Es vergingen fast zehn Jahre, bis 1949 die damals erst zwei Jahre junge Firma Atlantic Records Willie McTell noch einmal ins Studio holte. Es entstand eine Mischung aus Blues, Rag und Gospel. Religiöse Stücke gehörten bereits in den 30er Jahren fest zum Repertoire McTells. Beeinflußt von Blind Willie Johnson spielte McTell diese Lieder oft in offener Stimmung und mit dem Bottleneck. Böse Zungen behaupten, das Pseudonym "Blind Willie", unter dem McTell in den 30er Jahren Aufnahmen machte, sollte den Käufer dazu bringen zu glauben, es handle sich um Blind Willie Johnson. Und wäre nicht der anfangs erwähnte Ed Rhodes gewesen, so wären dies die letzten Recordings von Blind Willie McTell geblieben. Personen, die ihn in den 50er Jahren kannten, beschrieben ihn als kleinen, armseligen Mann, der meistens betrunken war. Bei den 56er Aufnahmen verlieren sich mitunter Gesang und Gitarre ein wenig, doch fasziniert diese Session auf jeden Fall durch ihre lockere und unverkrampfte Atmosphäre. Sie ist für mich persönlich - neben den Bluesstücken der 27er und 29er Victor-Sessions - ein absolutes Highlight des sicherlich genialen Blind Willie McTell.

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