Charley Patton

Bekanntlich fallen ja Künstler nicht vom Himmel. Ebenso spielen die wenigsten Gitarristen vom ersten Tag an eigenes Material. In der Regel wird mit dem schmerzhaften aber spannenden Erlernen der ersten Akkorde gestartet. Hat man derer drei geschafft, sind Blues-Nummern schon zu meistern - man greift sich geeignete Literatur, und die Post geht ab. Dass Blues dann aber doch nicht nur aus drei Akkorden und zwölf Takten besteht, ist klar. Seine Entstehung geht bis tief in die Sklavenzeit zurück, deren Ende im Jahre 1865 (amerikanischer Bürgerkrieg) es der schwarzen Bevölkerung erst ermöglichte, eine "freie" kulturelle und musikalische Entwicklung zu erfahren. Blues ist nicht nur musikalisch zu definieren - er hat seinen sozialen, ethnischen und kulturellen Hintergrund. Er beschreibt oft nur eine Stimmung: Leid oder Freude, Hoffnung oder Enttäuschung.

Die ersten Aufnahmen auf 78ern entstanden in den frühen 20er Jahren, und dank Musikern wie Ry Cooder, Otis Redding oder auch Eric Clapton, um nur drei zu nennen, erfährt heute so mancher der damaligen "Recording-Stars" seine wohlverdiente Würdigung. Einer von ihnen ist Charley Patton!

Geboren wurde er, tja, ungefähr zwischen 1881 und 1890. Sein Vater war entweder der Mann seiner, Bill Patton, der Laienprediger war und Charley viele religiöse Lieder beibrachte, ODER Henderson Chatmon, der Vater einer großen, äußerst musikalischen Familie. Da auch seine Mutter, Anney Patton (Dies gilt als sicher) sich nicht so ganz sicher war, wechselte Charley im Laufe seines Lebens zwischen beiden Familien zwanglos hin und her.

Der weitaus bedeutendere musikalische Einfluß ging von den Chatmons aus. Sein Halbbruder Sam Chatmon, der bis in die 70er Jahre aktiv war, beschrieb Charley als einen "Clown mit Gitarre", der zwischen den Beinen, auf seinem Rücken und auf dem Boden spielte. Er besaß eine äußerst rauhe wie intensive und kraftvolle Stimme, die er als rhythmisches Werkzeug ebenso einsetzte wie seine Gitarre als "zweite Stimme". Sein Gesang war oft unverständlich. Phrasen und gar ganze Verse anderer Stücke wurden eingebunden, Beobachtungen spontan analysiert im Wechsel zwischen Gesang, direkter Konversation und Erzählweise. Etwa um die Jahrhundertwende zog Charley Patton zur "Dockerry Plantage" nahe der Delta-Städte Ruleville und Cleveland, wo die Patton-Familie lebte. In diesem Gebiet gab es eine erstaunliche Anzahl von Blues-Musikern. Kaum einer von ihnen konnte im heutigen Sinne als "Profi" bezeichnet werden - es waren Tanzmusiker, die zwischen den Plantagen umherzogen, speziell während der Erntezeit, wenn die Leute Geld hatten. Sie spielten zum Teil samstags abends in den Häusern zu Parties. Dafür gab es ein Abendessen, und am nächsten Tag ging es schon wieder weiter. Die Themen ihrer Stücke waren natürlich Beziehungskrisen, Lebensnöte und Illusionen eines besseren Lebens. Naturkatastrophen wie z. B. die Überflutungen von 1915/16 sowie 1927 oder der Befall der Baumwollfelder mit dem "Boll Weavil"-Insekt um 1915 wurden im "High Water Everywhere"-Blues bzw. dem "Mississippi Bo´ Weavil Blues" verarbeitet. Patton drückte die drohende Gefahr mit monotonen, hämmernden Bassläufen aus, während er die Melodieläufe oft mit "Slide" auf den Treble-Saiten spielte. Er ließ seine Gitarre "erzählen" oder erzeugte durch schwere, gedämpfte Bassfiguren einen emotionalen Sog, der den Zuhörer tief in die Problematik des Themas hineinzog.

  Seine ersten Aufnahmen wurden 1929 von H. C. Speir auf der Dockery Plantage gemacht. Daraufhin folgten innerhalb eines Jahres 43 Titel, bevor Charley Patton im Jahre 1930 zusammen mit seinen Freunden Son House, Willie Brown und Louis Johnson seine großartigen "Race Record"-Aufnahmen für Paramount machte. Seine letzten Sessions entstanden 1934 kurz vor seinem Tod. Charley Patton gilt heute als DIE Schlüsselfigur des "Mississippi Delta Blues". Er war Vorbild und Lehrmeister von Robert Johnson, sein Repertoire umfasste Blues, Rags und Spirituals. Er galt als Komiker, Säufer und Schürzenjäger, seine Texte erzählten von banalen, alltäglichen Dingen; sie waren mitunter zusammenhanglos und unverständlich - dennoch geht die Bedeutung seiner Musik weit über all das hinaus - "BLUES IS A FEELING".

  Eine gute Zusammenfassung von Pattons Aufnahmen findet man z. B. auf der CD "CHARLEY PATTON - Founder of the Delta Blues", die auf dem Yazoo-Label erschien. Leider ist die Tonqualität aller Charley-Patton-Aufnahmen relativ schlecht, Feinheiten im Gitarrenspiel gehen teilweise verloren bzw. erfordern äußerst konzentrierte Aufmerksamkeit - trotzdem mal reinhören!

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