Django Reinhardt 23.01.1910 bis 16.05.1953

Vielleicht bedarf es dem Bruch mit den gesellschaftlichen Konventionen, zumindest Teilen derer, oder wenigsten einer gehörigen Portion an Egozentrik um die Kunst voran zu treiben, sie in sonst unerreichbare Höhen zu treiben, neue Wege einzuschlagen und Exempel zu statuieren. Als grundlegende Bedingung sei dies freilich nicht zu verstehen, doch lehrt uns die Geschichte, dass doch allzu oft gerade diese „ich-bezogenen“ Charaktere zu außerordentlicher Kreativität fähig sind.

 Django Reinhardt jedenfalls blieb es nicht erspart, sich der elitären High Society der Pariser und globalen Jazzszene anzupassen, dem Spagat seines Zigeunerstolzes und den Erwartungen seines Umfeldes gerecht zu werden, ohne, und dies schien ihm Zeitlebens undenkbar, jeden Zweifel an seiner Persönlichkeit aufkommen zu lassen. Er war ein „Manouche“, wie sich die Romas in Frankreich bezeichnen, geprägt von einem unbändigen Freiheitsdrang und steter Sprunghaftigkeit. Einen Trumpf allerdings hatte Jean Baptiste Reinhardt seit Jugendjahren im Ärmel - seine geniale Musikalität. Sie hob ihn stets von all den Anderen ab und ermöglichte es, sonstige Defizite geschickt zu überdecken. Dass es ihm an Gentlemanship mangele und es nicht genüge nur gut zu spielen ließ er sich nicht lange nachsagen, hüllte sich in elegante Anzüge, trug feine Seidentücher und machte schnell sein Menjou Bärtchen zum Markenzeichen. Wie ein Bruder stand dem mitunter kindlich, naiven Gitarristen sein Weggefährte Stéphane Grappelli zur Seite, lehrte dem Analphabeten wenigstens seinen Namen zu schreiben und genoss, als einziger „Nicht Sinti“, Reinhardts Vertrauen. An Cleverness mangelte es dem Zigeunerjungen, der bereits als Kind eine Straßenbande in Paris anführte, jedenfalls nicht und als er schließlich zur Nummer eins unter den europäischen Jazzgitarristen avancierte, wusste er dieses Pfund stets in die Waagschale zu legen. Geradezu herrisch degradierte er um seines Zieles Willen seine Mitmusiker zu Statisten, drückte seiner Musik unverkennbar den Stempel auf, der heute so unverkennbar mit ihm assoziiert wird. „Stilbildend“ klingt abgedroschen - eine Floskel, geben wir lieber Djangos Sohn Babik das Wort: „Django has influenced musical gypsy cluture, he brought jazz into gypsy culture“. Zigeunerswing oder Djangogitarre - wer weiß nicht was damit gemeint ist?

 

 Die Prewar Phase

Während in den 30er Jahren Charlie Christian und Eddy Lang in den USA die Sologitarre im Jazz etablieren, führt Django Reinhardt die alte Welt in die solistischen Geheimnisse der akustischen Gitarre ein. Schon früh löst er sich von den traditionell französischen Wurzeln der „Bals Musettes“, wo er bereits im Kindesalter Akkordeonisten auf dem 6-saitigen Banjo begleitet, wechselt zur Gitarre und fokussiert seine musikalischen Interessen auf den zeitgleich in Amerika aufkommenden Swing. Im Gegensatz zu Christian, der als einer der Ersten die Lautstärkevorteile der elektrischen Gitarre für sich zu nutzen sucht, zieht Reinhardt zunächst das nuancenreichere Spiel auf der akustischen Gitarre vor. Untrennbar ist seit dem, der unter Supervision des italienischen Konzertgitarristen und Luthiers Mario Maccaferri von Selmer gebaute Gitarrentyp mit Django Reinhardt verbunden.

1929 sammeln und spielen befreundete Musiker im Pariser „Ca Gaze“ für den tief getroffenen Reinhardt, der sich nach einem Feuer in seinem Wohnwagen schwere Brandverletzungen an der Greifhand zuzieht. An kleinem Finger und Ringfinger bleiben die Sehnen für immer verkürzt, die Hand ist verkrüppelt, die Zukunft ungewiss. Zu Beginn der 30er ist er zurück, spielt in unterschiedlichen Combos, lernt den Akkordeonisten und Bassisten Louis Vola kennen und träumt von einer eigenen Band. Er trägt die Idee eines reinen Saitenensembles an Freund und Förderer Emile Savitry, sowie Pierre Noutry vom „Hot Club de France“, einer neu gegründeten Institution zur Förderung des Jazz in Frankreich. Savitry, der sich gern als Entdecker Reinhardts verstand, macht Django mit den Platten von Duke Ellington, Louis Armstrong und Joe Venuti bekannt.  In Paris hört Reinhardt 1932 erstmals den Violinisten Stéphane Grappelli, der gemeinsam mit dem Saxophonisten André Ekyan auftritt. Unterdessen schickt Pierre Noutry erste Aufnahmen an die Musikkritiker Hugues Panassié, John Hammond in den USA und Jost van Praag in Holland – nur Letzterer äußert sich positiv.  Zwei Jahre später dann, schließt sich Reinhardt zunächst Ekyan und Grappelli an bis es schließlich im Herbst 1934 zum ersten Konzert des „Quartett du Hot Club de France“ kommt. Mit von der Partie sind Roger Chaput (git), Stéphane Grappelli (vio) und Francis Luca (b), der wenig später durch Louis Vola ersetzt wird. Djangos Bruder Joseph (git) komplettiert letztlich die Band zum legendären „Quintette du Hot Club de France“, das an der „Ecole Normale“ sein Debüt gibt. Die Rollen sind klar verteilt, zwei Solisten mit Reinhardt und Grappelli, werden von einer kompakt aufgestellten Rhythmusgruppe getragen, der Begriff „Hot Jazz“ ist geboren und das Quintette erlangt peu à  peu Breitenwirkung. Das Anfangs skeptische Ultraphone Label spielt 1934 Aufnahmen in unterschiedlichen Besetzungen ein und schreibt nebenbei Jazzgeschichte. Überhaupt mischen sich aus einem Fundus europäischer und amerikanischer Musiker interessante Konstellationen, Vocalisten wie beispielsweise Bert Marshall oder Freddy Taylor werden vom „Quintette du Hot Club de France“ begleitet und natürlich sind auch Reinhardt und Grappelli als Solisten begehrte Gäste anderer Bands. Das Quintette firmiert mit unter als „Stéphane Grappelli and his Hot Four“, für Roger Chaput ist teils Pierre Ferret an der Rhythmusgitarre zu finden und auch sonst wird hier und da experimentiert, doch im Stil bleibt man sich treu. Decca nimmt das Quintette unter Vertrag, Klassiker wie der „Limehouse Bluse“ oder Gershwins „Got Rhythm“ werden eingespielt. Auch eigene Titel mischen sich alsbald ins Repertoire, „Swing Guitars“ oder „Sweet Chorus“ liefern phantasievolle Solis, bereichert durch Reinhardts typische Octave Runs, Bendings und gefühlvollen Vibratos. Superlative sind hier durchaus recht am Platz - seiner Zeit weit voraus formt Django, ohne jede Scheu vor Neuem und frei jeglicher Berührungsängste, eine bislang unbekannte Stilistik von ungeheuerer Dichte und treibendem Drive. Duke Ellington bringt es Jahre später auf den Punkt, indem er Reinhardt die Unfähigkeit unterstellt, einen unschönen Ton spielen zu können. Überhaupt entwickelt sich das „Quintette du Hot Club de France“ im Laufe der 30er Jahre hin zu ihrem musikalischen Höhepunkt. Alleine 1937 entstehen über 100 Einspielung unter Django Reinhardts Mitwirkung in unterschiedlichen Besetzungen, längere Engagements im „Big Apple“ und Auftritte im Rahmen der Weltausstellung kommen hinzu. Zu erwähnen wären unbedingt die Recordings mit Coleman Hawkins und Benny Carter, den er bereits im Jahr zuvor in Barcelona begleitet. Reinhardt scheint von unerschöpflicher Kreativität und Ideenreichtum beflügelt, mit ersten Soloaufnahmen (u. a. „Improvisation No 1“ oder „Parfum“) etabliert er die Gitarre als Soloinstrument außerhalb der Klassik. Dass dabei seine Begleitqualitäten übersehen werden möchte ich vermeiden, „Alabama Bound“ oder „I’ve found my Baby“ im Duett mit Grappelli sind beste Beispiele aus dieser Zeit, sie stellen beeindruckend unter Beweis, dass Reinhardt es trotz seiner Behinderung an der Greifhand verstand, variable Harmonien zu gestalten. Das die Chemie zu dieser Zeit stimmt hört man förmlich aus den Takes heraus, nicht nur bei Reinhardts/Grappellis Eigenkomposition „Minor Swing“, indem sich die Musiker durch gegenseitige Anfeuerungen zu Höchstleistungen treiben, ist die Spielfreude unverkennbar. Reinhardt und Grappelli fühlen, denken und spielen die selbe musikalische Sprache, untrennbar stehen die beiden Namen bis heute für sich. Im Frühjahr 1939 ist Duke Ellington in Paris und besucht ein Konzert des „Quintettes“, es entstehen vier Aufnahmen mit dessen Musikern. Der drohende Krieg verhindert die geplante Welttournee, das Quintette, gerade in London aktiv, wird gesprengt nachdem Reinhardt aufgrund Englands Kriegsvorbereitungen nach Paris zurückkehrt und Grappelli bleibt. Gershwins „The man I love“ bleibt vorerst die letzte Einspielung in traditioneller Besetzung. 

1940 bis 1953

Reinhardt ist gern gesehener Gast in unterschiedlichen französischen Besetzungen, die unter dem amerikanischen Einfluss meistens dem Orchester Swing zugewandt sind. Ihm selbst fällt es leicht sich einzupassen, seine improvisatorischen Fähigkeiten sind jeher bestechend. Ein Jahr später wird das „Quintette du Hot Club de France“ mit Hubert Rostaing (kla) und Pierre Fouad (dm) reaktiviert, das grundlegende Konzept des reinen Saitenensembles ist damit aufgegeben, die Rhythmusgitarre verliert an Bedeutung. Natürlich orientiert sich Reinhardt dabei an aktuellen Strömungen, der Sound wirkt zunehmend moderner und glatt gestrichen, ohne aber an gitarristischer Qualität einzubüßen. Ansonsten wendet sich der Meister verstärkt der Komposition zu, die Anerkennung wächst und im November 1945 werden gar Orchesteraufnahmen mit Musikern Glenn Millers eingespielt.

Ein Jahr nach Kriegsende reist Reinhardt zu seinem ehemaligen Weggefährten und Freund Stéphane Grappelli nach London. Die ersten gemeinsamen Aufnahmen mit englischen Rhythmusgruppe sind aus dem Stand heraus von ausgezeichneter Qualität – mehr, sie spiegeln geradezu den optimistischen Zeitgeist der Nachkriegszeit und die Freude des Wiedersehens wieder. Es entstehen unter anderem zwei neue Recordings der Reinhardt Komposition „Nuages“, vielleicht eines der wichtigsten Django Stücke überhaupt, und mit Grappelli an der Violine in diesen Versionen weitaus eindringlicher als die 1940er Aufnahme.

Auf Einladung Duke Ellingtons reist Django Reinhardt schließlich im November 1946 nach Amerika. Die erste Enttäuschung bleibt nicht aus, als dem ohne jegliches Gepäck angereisten Reinhardt der erwartet „Große Empfang“ versagt bleibt. Die ersten Konzerte mit Ellington, u. a. in Cleveland, Chicago oder St. Louis, verlaufen dennoch positiv. Auch drei Titel werden in diesem Zuge aufgenommen, Reinhardt fügt sich auf der elektrisch verstärkten Archtop nahtlos ins „Ellington Orchestra“ ein. Die Tour soll mit zwei Konzerten in der New Yorker Carnegie Hall enden - das erste ein voller Erfolg, zum zweiten erscheint Reinhardt erst gegen 23 Uhr. Dies bringt ihm im disziplinierten Amerika nicht die allergrößten Sympathien ein, enttäuscht und deprimiert kehrt der sensible Musiker nach Paris zurück.

Die Malerei hat unter dem Einfluss van Goghs und Gaugins Reinhardts Interessen geweckt, eine alternative Ausdrucksform, die es ihm erlaubt sich zurückzuziehen. Eine Ausstellung zeigt seine Werke 1947 in Paris. Der Jazz entwickelt sich einstweilen weiter, der Bebop gewinnt zunehmend die Oberhand über den Swing und konfrontiert Django Reinhardt mit einer neuen Generation junger Musiker und  komplexeren Anforderungen. Er sieht sich der Veränderung konfrontiert, soll sich nun Anderer anpassen und findet sich dabei in ungewohnter Rolle wieder. Auf der anderen Seite setzt er dem Neuanfang mit dem klassischen „Quintette du Hot Club de France“ in ursprünglicher Besetzung nach einiger Zeit ein Ende, er sieht keine Möglichkeit der Weiterentwicklung und Veränderung. 1949 reist Reinhardt mit seinem Partner Grappelli nach Rom, sie werden von einer italienischen Rhythmusgruppe begleitet. In den RAI Studios entstehen dabei eine Unmenge an recht erfrischenden Einspielungen, insgesamt rund 70 Titel von weitgehend exzellenter Qualität. Gegen Ende dieser Sessions entsteht mit „Manoir de mes Rêves“ der letzte Titel im Duett mit Stéphane Grappelli. Eine einzigartige und unnachahmliche Ära in der Geschichte des Jazz geht mit diesem wunderbaren Stück zu Ende. Leidenschaft und Wehmut quirlen hier förmlich aus beiden heraus, als ob die Aufnahme im „Drehbuch des Lebens“ als Abschiedsstück festgeschrieben gewesen sei.

Reinhardt zieht sich im Folgenden nach Samois sur Seine zurück, angelt und malt, er erlebt seinen psychischen und damit auch seinen musikalischen Tiefpunkt – er spielt kaum noch. Der Jazzpromoter Norman Granz trifft Django 1953 im Pariser „Ringside“, Tourneen nach USA, Europa und Japan sind in Planung, es kommt zu einem gemeinsamen Konzert mit Dizzy Gillespie und einigen Auftritten in der Schweiz, England und Belgien. Reinhardt scheint sich im „Neuen Jazz“ gefunden und seine Spielfreude wieder zu haben, doch sämtliche Pläne zerschlagen sich – er stirbt am 16. Mai 1953 an den Folgen einer Gehirnblutung.

Reinhardts Erbe steht in jeglicher Hinsicht, unvergleichlich und unantastbar, für die Entwicklung des Jazz in Europa, die moderne musikalische Kultur der Gypsies, die Bedeutung der (Akustik-Django-)Gitarre im Jazz und den energiegeladenen „Hot Jazz“, wie ihn das „Quintette du Hot Club de France“ als reines Saitenensemble einzigartig zelebrierte. Für mich persönlich gibt es keine schlechten Reinhardt Recordings, geniale hingegen unzählige – „Nuages“, „Minor Swing“, „Sweet Chorus“ oder „Daphné“ um nur einige der Titel zu nennen, die Reinhardt selbst oder gemeinsam mit Stéphane Grappelli geschrieben hat. Seine Musik lebt heute in jungen Musikern wie Stochelo Rosenberg, Birelli Lagrene und Anderen, er spiegelt die musikalische Identität einer ganzen Volksgruppe wieder. In Samois sur Seine findet alljährlich das „Festival de Jazz Django Reinhardt“ zu seinen Ehren statt.

Jedem, der ein gewisses Interesse für die Gitarre im Jazz in sich birgt sei „The Complete Django Reinhardt“ Volume 1 –18 (jeweils als Doppel CD), zu beziehen über www.rfcharle.com, wärmstens empfohlen. Der Pariser Luthier Francois Charle führt außerdem mit seiner Frau Rosyne in der Galerie Vero-Dodat eine äußerst stilvolle Werkstatt mit Musikalienhandlung und zeichnet für das umfassend illustrierte Fachbuch „The Story of Selmer Maccaferri Guitars“ mit wertvollen Informationen zu Musikern und Instrumenten.

Mein Dankeschön gilt Rainer Woeffler aus München für dessen Unterstützung.

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