Martin Size OOO 12-fret

Nachdem wir uns in der letzten Ausgabe recht umfangreich mit der O- und OO-Form auseinandergesetzt haben ist es nun an der Zeit - der Martin-History folgend - die größere OOO-Form etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Hierbei wollen wir uns zunächst der Bauweise mit dem Halsansatz am 12. Bund zuwenden, die über rund 30 Jahre hinweg einen recht eigenen Stellenwert innerhalb der Martin-Linie inne hatte.
 

Geschichte

Ein Phänomen, das in der Entwicklung des Gitarrenbaus des Öfteren anzutreffen ist, wurde zunächst auch dieser 12-bündigen OOO-Form zuteil. Ähnlich wie in späteren Jahren die Les Paul, Explorer oder Flying V, war auch sie zunächst ihrer Zeit weit voraus und fand keineswegs die ihr gebührende Beachtung. Als schwerwiegender Faktor gilt, daß bis in die 20er Jahre alle Martins, und somit auch alle OOO-Modelle, für Darmsaiten-Bespannung konstruiert waren und dementsprechend Verwendung fanden. Damals wie heute legten die klassischen Gitarristen wohl keinen Wert auf Bauformen von größerem Volumen als das einer OO-Forrm oder vergleichbaren Größen.

Ob es nun die Musik war, die zu jenem Zeitpunkt die tonlichen Qualitäten einer größeren Gitarre nicht beanspruchte, die Gitarristen, die diese Qualitäten noch nicht erkannten oder aber das mangelnde Marketingengagement seitens der Firmenleitung - dies ist schwer mit Bestimmtheit zu bewerten, der Erfolg jedenfalls, und soviel ist sicher, blieb zunächst weitgehend aus.

Ab ihrer Geburtsstunde im Jahre 1902 wurde diese neue, große Gitarre in sehr geringen Stückzahlen hergestellt und keines der einzelnen Modelle erreichte zunächst eine Jahresproduktion in 2-stelliger Höhe.

Mit Ausnahme einiger Sonderanfertigungen und Einzelstücken war die Palette dabei im Wesentlichen auf vier Ausstattungsvarianten beschränkt. Dies waren die Stile 18, 21, 28 und 45, letztere mit aufwendigen Perlmutteinlagen versehen. Während Stil 21, 28 und 45 aus Rio-Palisander für Boden und Zargen gebaut waren, hatte der Stil 18 hier Mahagoni aufzuweisen.

Eine Trendwende ergab sich schließlich mit der Umstellung auf Stahlsaiten, die sich bei Martin, abhängig von Modell und Stil, im Laufe der 20er Jahre vollzog. Zu diesem Zeitpunkt hielt es die Martin Company nun auch für angebracht, diese bereits seit über zwanzig Jahren erhältliche Bauform in ihren Listen und Katalogen zu erwähnen. Ab sofort wurden die Karten völlig neu gemischt, hatte sich schließlich nicht nur die Besaitung und Konstruktion verändert, sondern damit verbunden auch die Klangeigenschaften der Gitarren, das Klientel und die musikalische Stilistik.

Die erfolgreichste Ausstattungsvariante wurde sogleich die OOO-18, die in den 20er Jahren für rund 50 Dollar erhältlich war und Produktionszahlen von über 200 Stück/Jahr erreichte. Das Topmodell, die OOO-45 für 170 Dollar, brachte es im Vergleich dazu gerade mal auf ungefähr 20 Stück Jahresproduktion und ist somit heute eines der begehrtesten Sammlerobjekte überhaupt.

Doch bereits 1928 ergab sich mit der Präsentation des neuen OM-Modelles eine weitere Trendwende in der Martin Geschichte. Vierzehn frei bespielbare Bünde standen plötzlich im Mittelpunkt und Interesse der Spieler und die dahingehende Umstellung sollte sich bis Mitte der 30er Jahre fast durch die gesamte Produktpalette gezogen haben. Die OOO 12-fret erwischte es schließlich im Jahre 1931, als nach knapp 30 Jahren das erste Kapitel dieses Baukonzeptes ein frühes Ende fand.

 
Konstruktion

Grundlegende, gemeinsame Merkmale der OOO 12-fret waren zunächst die durchbrochene Kopfplatte, die lange Mensur von 25.4 Inch (einige wurden jedoch auch mit 24.9 Inch Mensur gebaut), der Korpusübergang am 12. Bund, sowie der Martin typische Pyramidensteg. Ein Schlagbrett suchte man vergebens, kein Wunder, wurde auf diesen zarten Instrumenten doch viel mehr traditionell gezupft als heftig Rhythmus gespielt. Bedingt durch den geringen Zug der Darmsaiten kam eine Martin zu jener Zeit noch ohne eine Verstärkung des Halses aus, der ab ca. 1916 aus Mahagoni anstelle von Cedro hergestellt wurde. Die obligatorischen Barfrets - passgenau eingesetzte Flachstahlbünde - trugen darüber hinaus zu einer guten Halsstabilität bei und verhalfen dem Gitarristen zu angenehmen Spieleigenschaften. Der kurze 12-Bund Hals zeigte am Sattel eine Breite von 1 7/8 Zoll (47 mm) und auch das Saitenspacing am Steg (e1 - e6 Saite) brachte es auf stolze 60 mm. Mit 2-2.5 mm war die Deckenstärke, ebenso wie das filigrane "Scalloped X-Bracing", äußerst leicht gehalten.

Letztlich betrug die untere Breite des Korpuses nun stattliche 15 Zoll und so war die OOO nicht nur die größte, sondern auch die lauteste Gitarre, die von Martin zu bekommen war.

Mit der Umstellung auf den höheren Zug der Stahlsaiten erhöhte sich die Stärke der Adirondack-Fichtendecken auf rund 3 mm, während die Deckenbeleistung ihre leichte Ausführung beibehielt. Der Hals wurde mit einem eingesetzten Ebenholzstab verstärkt, der schmale Pyramidensteg durch eine sogenannte Belly-Bridge ersetzt und zu guter letzt ein Schlagbrett aus Celluloid einlackiert. Auch das bisher übliche Frenchpolish bzw. Schellackfinish wurde nun durch einen strapazierfähigeren, gespritzten Nitrolack ersetzt.

Was blieb war ein aus heutiger Sicht nach wie vor äußerst leicht konstruiertes Instrument mit besonders ausgewogenen Klangeigenschaften und wäre da nicht die Geschichte mit den 14 Bünden zur Debatte gestanden, hätte die OOO nun endlich ihren verdienten Siegeszug als moderne Stahlsaitengitarre antreten können.

Allen OOO 12-fret Martins dieser kurzen Epoche wird eine erstklassige Qualität in Sachen Holz, Konstruktion, Verarbeitung und vor allem Klang zuteil - sie zählen, leider in allzu geringer Stückzahl, zu den echten Highlights der Gitarrengeschichte.

  

Jimmie Rodgers OOO-45 Custom

Die vielleicht bekannteste "Prewar OOO" wurde im Juni 1928 vom "Father of Country Music - Jimmie Rodgers" in Auftrag gegeben und diesem rund einen Monat später von Mr. C.F. Matin (dem Dritten) in New York überreicht. Kaum vorstellbar, daß noch rund fünf Jahre zuvor die Martin Company fast ausschließlich klassisches Klientel bedient hatte und (als bekannter Weise traditionelles und konservatives Unternehmen) somit gerade im Begriff war, einen regelrechten Kulturschock zu durchleben. Country- und Westernhelden mit Hut, Revolver und Cowboystiefeln bestückt waren quasi über Nacht zum Aushängeschild von Martin geworden. Ohne daß dies so recht gewollt war, führten sie die Martin Company, in gänzlich anderer Richtung, mitten hinein in die "Golden Era" der 30er und 40er Jahre.

Doch zurück zu Jimmie Rodgers, einem der Urväter dieser Bewegung.

Einige unverkennbare Details waren seiner Sonderanfertigung zu eigen. So war Rodgers Name in großen Blockbuchstaben ins Griffbrett eingelegt, die Kopfplatte wurde hingegen von seinem Pseudonym "Blue Yodeler" geziert, welches aus Platzgründen kurzerhand auf "Blue Yodel" gekürzt worden war. Der Beschrifterei nicht genug, als Gag war auf den erstklassigen Rioboden noch ein fettes "THANKS" gepinselt worden, womit sich Rodgers durch lässiges drehen des Instrumentes bei seinem Publikum bedanken konnte. In dem Film "The Singing Brakeman" ist Jimmie Rodgers ebenfalls mit dieser unverkennbaren Gitarre zu sehen. Nach Jimmie Rodgers Tod im Jahre 1933 wurde diese Gitarre an Ernest Tubb, einem Verwandten der Rodgers,  verliehen, der sie über Jahrzehnte hinweg in Benutzung hatte. Sie fand schließlich ihren verdienten Platz im Jimmie Rodgers Museum in Meridian/Mississippi erhielt

Die Martin Guitar Company würdigte 1997 Rodgers Schaffen mit einer limitierten Wiederauflage von 100 Gitarren.

 

Die Wiederentdeckung

Die OOO 12-fret ging, die Dreadnaught kam und ehe man sich versah, war bereits Mitte der 30er Jahre dieses, so wunderbare Baukonzept, scheinbar völlig in Vergessenheit geraten - kaum begreiflich, aber es sollte ein rundes halbes Jahrhundert vergehen, bevor sich die Gitarrenbauer erneut mit dieser Bauweise auseinandersetzten. Das Handicap liegt auf der Hand - um so mehr sich die Gitarristen vom Traditionellen entfernten, ihre Spieltechnik weiter entwickelten und perfektionierten, um so mehr trat die Bespielbarkeit der Gitarre in den Vordergrund und damit verbunden, eine angemessene Erreichbarkeit der hohen Lagen.

Die Auswahl an erhältlichen 12-Bund Gitarren beschränkte sich somit auf einige wenige Folkinstrumente in O oder OO Größe (siehe AG 5/99), sowie die in den 60ern wieder auferstandene 12-fret Dreadnaught. Der moderne Fingerstyle Gitarrist hingegen hielt fast ausschließlich nach 14-bündigen Instrumenten Ausschau und hier kamen ab den 70er Jahren auch wieder verstärkt kleinere Bauformen als die Dreadnaught zum Zuge. Nennenswerte Aufmerksamkeit und die Diskussion über die grundlegenden Vorteile der 12-bündigen Bauweise entwickelten sich erst während der 80er und 90er Jahre, als einige der modernen, renomierten Hersteller wie die Santa Cruz Guitar Company oder Collings die OOO 12-fret erneut ins Rampenlicht des Interesses rückten. Das besonders ausgewogene Klangspektrum, sowie der im Verglich zu 14-Bund OM`s oder OOO`s sehr freie und weniger komprimierte Ton, gaben den 12-bündern hier Pluspunkte in Sachen Klangqualität und Vielseitigkeit. Gerade in der OOO-Größe steht Letztere gegenüber anderer Korpusformen in scheinbar optimaler Verhältnismäßigkeit.

Verfechter von 12-Bund Gitarren verweisen auf das ausgewogenere Gesamtkonzept, wobei sich die Oktave, und somit die Mitte der frei schwingenden Leersaite am Korpusübergang befindet und der Steg, inmitten der größt möglichen Deckenfläche plaziert, optimale Resonanzeigenschaften ermöglicht. Geschichtlich gesehen, und im klassischen Sektor bis heute beinahe unangefochten, ist dies auch der logisch erscheinende Aufbau einer Gitarre, während sich im Stahlsaitenbereich die 14-bündige Version aus der Forderung der Spieler nach mehr Freiraum in den oberen Lagen entwickelte und somit nicht aus einem konstruktiv-qualitativen Zweck heraus entstand.

Doch zurück zu denen, die in den vergangen Jahren ihre Liebe zu der OOO 12-fret wieder entdeckt haben und darunter waren, neben etlichen amerikanischen Herstellern, auch eine ganze Reihe deutscher Gitarrenbauer. Angefangen bei Henkes und Blazer aus Tübingen, die ohnehin mit ihrer Deja-Vu Serie an traditionelle Bauformen anknüpfen, über Moritz Sattler (Manzanita Guitars) oder jüngst Björn Welsch. Auch die Martin Company selbst stieg 1996 mit der OOO-28 Golden Era wieder ins Geschehen ein, ein Jahr später folgte die Jimmie Rodgers, sowie im vergangenen Jahr eine Reihe an Sondermodellen aus dem Custom Shop.

Allesamt haben (wenn auch auf unterschiedliche Art und Weise) bewiesen, daß die OOO 12-fret eine der ausgewogensten und tonlich vielseitigsten Bauformen der Akustikgitarre darstellt.

Es bleibt zu hoffen, daß dies nicht noch ein weiteres mal in Vergessenheit gerät, der Autor wäre zutiefst enttäuscht!

 

 

Martin-Abmessungen OOO 12-fret in mm (gerundet):

 Länge gesamt:             1005

Länge Korpus:              519

Korpusbreite oben:       270

Korpusbreite unten:       382

Korpustiefe oben:           83

Korpustiefe unten:          103

Halsbreite Sattel:             47

Durchmesser

Schalloch:                       98

Mensur:                          645

 

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