"King of the Flat-Tops"

The Gibson Super Jumbo 200 (J-200)

 

Drei Dinge braucht der Cowboy: ein Pferd, eine Waffe und eine Gitarre - und dies bitte schön, sollte dann schon die Richtige sein. So oder so ähnlich könnte man das Image beschreiben, das den frühen Cowboyhelden von Film und Funk verpaßt wurde. Kein Wunder also, daß in unzähligen Westernfilmen der 30er und 40er Jahre die eine oder andere Westernschnulze vom Stapel gelassen wurde, gesungen und begleitet vom kühnen Herzensbrecher an der Gitarre.

 Die heile Welt des romantischen Wilden Westens, wie sie damals dem Volk suggeriert wurde, war geprägt von Glanz und Glamour und so ist es ganz und gar nicht verwunderlich, daß auch die ersten hoch verzierten und aufwendig gebauten Topmodelle der Gitarrenindustrie aus diesem Genre heraus entstanden sind.

Außer Frage steht, daß die Gibson J-200 wie keine andere Gitarre das Cowboy-Image verkörpert und bis zum heutigen Tage unabdingbar damit verbunden ist. Verwunderlich zum Einen, daß ein so extremes Design, sowohl in Bezug auf die Optik, als auch auf die Konstruktion eine Zeitspanne von sage und schreibe mehr als sechzig Jahren geradezu unantastbar überstanden hat - zum Anderen ein Indiz für die Genialität dieses Klassikers.

Die Geschichte der Super Jumbo (wie sie zunächst bezeichnet wurde) beginnt Mitte der 30er. Über Jahre hinweg war man sich einig, daß es Ray Whitley war, der 1937 die Gibson Company in Kalamazoo beauftragte ihm eine Gitarre zu bauen, die alles bisherige in den Schatten stellen sollte. Historiker und Gitarrensammler haben allerdings herausgefunden, daß bereits zuvor eine oder sogar meherere J-200 gebaut wurden, exakte Aufzeichnungen darüber sind jedoch nicht vorhanden.

Zurück zu Whitley, der Gibson ganz konkrete Vorstellungen für dieses neue Instrument vorgab. Die Gitarre sollte einen vollen und bassbetonten Klangcharakter aufweisen, dasselbe Halsprofil wie die bereits äußerst erfolgreiche L-5 Archtop haben und auch optisch im wesentlichen die Features der L-5 und Super 400 Jazzgitarren wiederspiegeln. Blockinlays mit eingravierten Westernmotiven, Torchinlay und ein Schlagbrett a la Super 400 wurden dementsprechend umgesetzt und ergänzend Custom Made For Ray Whitley in der Kopfplatte eingelegt. Neu war die Form des Steges, der die Form eines Schnurrbartes hatte und dem zufolge Moustache Bridge genannt wurde. Der Boden und die Zargen waren wie bei fast allen J-200, die bis zum Ausbruch des Krieges im Jahre 1942 gebaut wurden, aus Palisander gefertigt. Auch die Größe des Korpuses war mit 16 7/8 Zoll der L-5 angeglichen und wurde etwas später auf die vollen 17 Zoll vergrößert. Damit schlug sie, zumindest in ihren Ausmaßen, deutlich die legendäre Dreadnaught des großen Konkurrenten Martin, der fast zeitgleich seine ersten D-45 Modelle auf den Markt gebracht hatte. Grover Imperial Mechaniken und aufwendige, mehrschichtige Einfassungen rundeten das Bild ab und machten dieses revolutionäre Instrument zum Top Of The Line Model von Gibson.

Whitley`s Partner und Freunde Gene Autry und Tex Ritter waren sogleich von diesem einzigartigen Instrument begeistert und orderten sich ebenfalls eine Custom J-200 bei Gibson. Die Liste der J-200 Spieler läßt sich darüber hinaus fast endlos fortsetzen: Roy Rogers, Jimmy Wakely, Little Jimmy Dickens, Ranger Doug, Johnny Cash, Emmylou Harris, Ray Corrigan, Gary Davis, Elvis Presley, Jim Reeves, Albert Lee, Garth Brooks etc. etc. um nur die wichtigsten zu nennen.

Der Zusatz 200 signalisierte, daß der Verkaufspreis dieses Modells 200 Dollar betrug und somit keineswegs für jedermann erschwinglich war. Bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges, und dies war für die Amerikaner 1942, wurden insgesamt 96 SJ-200 (wie sie nun hieß) hergestellt. Diese Gitarren gehören heute zu den gesuchtesten Instrumenten auf dem Sammlermarkt und erzielen (wenn überhaupt verfügbar) geradezu astronomische Preise. Ray Whitley tat sicherlich ein Gutes und spendete sein unwiederbringliches und einzigartiges Instrument bereits 1974 der Country Music Hall of Fame in Nashville, wo sich noch heute die Liebhaber ihre Nasen an der Vitrine platt drücken.

Eine entscheidende Veränderung war den J-200, die nach Kriegsende ab 1947 in Produktion gingen zu eigen: der Boden und die Zargen bestanden von nun an serienmäßig nicht mehr aus Palisander, sondern aus Ahorn. Das "S" in der Modellbezeichnung verschwand ebenfalls im Laufe der 50er Jahre und der Zusatz "N" signalisierte, daß die J-200 nun auch in Natural, ergänzend zu der bisher üblichen Sunburstlackierung, zu haben war. Auch die Mensur wurde zu Gunsten des Spielkomforts auf ein gängiges Maß verkürzt, das typische Schlagbrett erhielt einen feinen Rand und auch Detailänderungen in der Deckenbeleistung wurden vollzogen.

In ähnlicher Form sollte die J-200 über die 50er Jahre hinweg erhalten bleiben bis 1959/60 weitere Einschnitte folgten. Zunächst war die Moustache Bridge nun durchgängig massiv gefertigt mit Perlmuttinlays an Stelle der Ausfräsungen in den Flügeln, der Steg war höhenverstellbar und auch die Mechaniken wurden auf Grover Rotomatics umgestellt. Gibson erachtete es (unverständlicher Weise) nun als notwendig, die gesamte Konstruktion zu stabilisieren. Der Halsklotz wurde vergrößert, die Bridge-Plate ebenfalls und als Tüpfelchen auf dem "i"', installierte man noch eine geteilte Leiste unter die Decke, welche das Absinken jener verhindern sollte. Diesen Dienst erfüllten diese Leisten vorzüglich - mit dem Nebeneffekt, daß die Klangqualität erheblich darunter litt. Wie bei vielen anderen Gibson-Modellen dieser Zeit wurden auch bei der J-200 die Halsabmessungen deutlich reduziert, das nun fast E-Gitarren ähnliche Profil wurde durch eine 5-schichtige Verleimung des Halses stabilisiert. 

Mit dem Verkauf von Gibson an den Norlin Konzern folgte das schwärzeste Kapitel in der Firmengeschichte. Der Folk-Boom, nun in vollem Gange, steigerte die Absatzzahlen auf den Höhepunkt, doch die enormem Stückzahlen gingen letztendlich zu Lasten der Verarbeitungsqualität. Zu viele Kompromisse ging man zu Gunsten von Servicefreundlichkeit und rationeller Fertigung ein, was teils immense konstruktive Mängel mit sich brachte.

Mitte der 80er Jahre dann wechselten die Besitzverhältnisse von Gibson erneut und zum guten Glück brachte dies mehr und mehr eine Rückbesinnung auf die ehemaligen Stärken und Qualitätsansprüche mit sich.

Die J-200 der 50er Jahre wurde wieder zum Vorbild für den Qualitätsstandard in der Produktion, klanglich wie auch verarbeitungstechnisch. So kann man heute mit Freude auf die vergangenen 10 bis 15 Jahre zurückblicken und mit gutem Gewissen den aktuellen Instrumenten Anerkennung zollen. 

Ein Vergleich zu den legendären Prewar-Models und den Gitarren der späten 40er und der 50er Jahre ist allerdings unmöglich, zu groß sind die Unterschiede in Konstruktion, Abmessungen, Holzqualität und Verarbeitung.

Die J-200 ist eine Gitarre, der das Prädikat "Outstanding" vor jeder anderen gebührt. Aus den verschiedensten musikalischen Bereichen sind Künstler für immer und ewig mit dem einzigartigen Design und Klang der J-200 verbunden. Beispiele wären: Emmylou Harris (Country), Rev, Gary Davis (Blues/Ragtime) oder Ron Wood (Rock). Dennoch ist und bleibt sie eine typische Cowboy- und Countrygitarre und verkörpert beeindruckend das Genre, aus dem sie auch entstammt.

Die Liebe und Verbundenheit zu diesem Instrument kann letztendlich nur von jemanden beschrieben werden, der kompromißlos mit dieser Gitarre verbunden ist - Emmylou Harris: "It`s sturdy and yet so very musical, a guitar tonally unique, big, and absolutly beautiful. To me, this guitar represents the best of American art, although in a sense it`s only a tool. The J-200 is my guitar of choice. It has such a distinctive sound, feel, and look. It is simply a thing of beauty - an American original with it`s shape and appearance. Nothing else comes even close."

Was gibt es hier noch hinzuzufügen?

 

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