Gibson LG-Serie - „Stiefkinder“ im Hause Gibson?

 Von Helmut Grahl und Ralf Bauer

 LG steht für „Little Guitar“. Das Modell kam erstmals 1942 mit der Bezeichnung LG-2 auf den Markt und sollte die letzte, damals noch im Angebot verbliebene kleinere Gibson, die L-00, ablösen. Es dauerte allerdings noch bis 1945, bis die L-00 endgültig aus dem Programm genommen wurde. Bemerkenswert ist, dass alle kleineren Gitarren, die Gibson in dem langen Zeitraum zwischen 1945 und 1976 im Angebot hatte, exakt der LG-Form entsprachen (sieht man von dem ¾-Modell der LG einmal ab). Eine Vielfalt ergab sich somit nur durch Unterschiede in den Konstruktionsmerkmalen und die waren zum Teil recht erheblich. 1975 taucht die LG-Form, mittlerweile in B-25 umbenannt, letztmalig im Katalog auf und es sollte 16 Jahre dauern, bis 1993 mit der Neuauflage der L-00, der L-1 und der L-20 wieder kleinere Gibson-Gitarren erhältlich waren.

  

Die Form

Betrachtet man Form und Maße der LG (vgl. Tabelle 1), so fällt sofort die Ähnlichkeit mit der Klassik-Gitarre auf. Im Vergleich mit kleineren Martins liegt sie zwischen der 00 und der 000 Größe. In ihrer Form war die LG keine völlige Neukonzeption, denn der obere Korpusbereich entspricht bis kurz vor der Taille exakt dem der Roundshoulder-Jumbo, der untere Bereich wurde um 2 Zoll verengt. Die schmale Unterpartie kam den Engpässen in der Material-Verfügbarkeit der damaligen Zeit entgegen. Bereits in den letzten Kriegsjahren waren die Bestände an Adirondack-Fichte, damals Standard für Gitarrendecken, schon so weit aufgebraucht, dass es immer schwieriger wurde Stämme ausreichenden Durchmessers zu bekommen. Wie dem auch sei, in den vierziger Jahren finden sich sowohl Jumbos als auch LGs mit vierteiligen Decken, einer Konstruktion, gegen die bei guter Verarbeitung weder von der Stabilität noch von den Resonanzeigenschaften her Einwände begründbar sind.

  

Konstruktion im Wandel der Zeit

 Wir werden uns hier auf eine Beschreibung der LG-2 beschränken. Wesentliche Merkmale der gesamten LG-Reihe sind in der Tabelle 2 zusammengestellt. LG-2 und LG-3 sind grundsätzlich in der Qualität der Materialien, der Verarbeitung und, abgesehen von dem Deckenbinding, in ihrer sonstigen Ausstattung der J-45 und J-50 gleichgestellt. Es sind schlichte Erscheinungen die dem Spieler das Gefühl vermitteln, kein Geld für unnötigen Zierrat ausgeben zu müssen. Wenden wir uns also den inneren Werten zu.

Die LG`s hatten von Anfang an einen runden, genauer gesagt D-förmigen Hals aus Mahagoni, der aufgrund von Metallkürzungen 1942 und 1943 teilweise ohne Stahlstab ausgestattet war. Diese Hälse wurden daher oft nicht so dünn gefräst wie es dem Standardmaß entsprach, und werden – unter dem Namen „Baseball-Bat-Necks“- von vielen Spielern gefürchtet. Wer sich allerdings auf die Dimensionen dieses Halses einlässt, wird mit deutlich mehr Ton und Sustain belohnt. Standardmaterial für den Korpus waren solide Fichte für die Decke und Mahagoni für Boden und Zargen. Bis Mitte der fünfziger Jahre wurde zumindest für die LG-2 / LG-3 grundsätzlich massives Mahagoni verwendet. In den letzten Kriegsjahren musste man allerdings häufig vom Standard abweichen. Unter dem „Banner-Logo“ der vierziger Jahre finden sich auch LGs mit Mahagonidecken oder mit Ahornboden und Ahornzargen. Letztere besitzen oft auch Ahornhälse, häufig 3-teilig oder gar 3-teilig mit 2 schmalen Mahagoni-Zwischenfurnieren versehen. Tatsächlich ist diese Halskonstruktion in den späten 60er Jahren bei Gibson bis zu den obersten Modellen, einschließlich L-5 und Super 400, wieder aufgegriffen worden. Ab 1947 konnten dann wieder Standardbedingungen eingehalten werden. An der Konstruktion hatte sich seit 1942 nichts verändert. Die Decke war kreuzbeleistet, das ganze System bestand aus relativ hohen Leisten (gemessen 9/16 Zoll am Balkenkreuz in Höhe des Schallloches) und war scalloped ausgearbeitet. Ein relativ kleines Stegfutter aus Ahorn ergab in Verbindung mit dem zierlichen rechteckigen Steg genügend Stabilität bei optimaler Übertragung der Saitenschwingungen. So blieb die LG-2 bis etwa Mitte der 50er Jahre in ihrer Vorkriegskonstruktion erhalten und präsentierte sich als ausgesprochenes Leichtgewicht (vgl. Tabelle 2).

Ab dieser Zeit gab es zunächst zwei entscheidende Veränderungen. Einmal wurde jetzt für die Zarge geschichtetes Mahagoni verwendet, was wohl keinen entscheidenden Einfluss auf den Klang gehabt haben dürfte. Zum anderen aber wurde die Decke etwas flacher, insgesamt dünner beleistet und nicht mehr scalloped ausgearbeitet. Die Gitarren wurden insgesamt jedoch nicht leichter. Während das alte, vergleichsweise schwerere Beleistungssystem deutlich mehr an Bassqualität einbringt, besticht das neue durch ein insgesamt transparenteres Klangbild und eine leichtere Ansprache. Deswegen sind LGs (und Jumbos) aus den Mitt- bis Endfünfzigern immer noch exzellente Gitarren und mancher Spieler wird sie vom Klang her sogar einer älteren LG vorziehen.

Ende der 50er bis Anfang der 60er Jahre gab es die LG-2 (und die Jumbos) mit Standardsteg oder höhenjustierbaren Steg. Letztere hatten die „Down-Belly“ Form und es ist anzunehmen, dass die LGs, die in dieser Übergangszeit mit Standardsteg ausgeliefert wurden, nun ebenfalls einen Down-Belly-Steg besaßen. Die justierbaren Stege haben einen entscheidenden Einfluss auf den Klang, der insgsamt etwas „gebremst“ wirkt. Die im Vergleich zur herkömmlichen Stegeinlage aus Knochen oder Kunststoff viel breitere und daher auch viel massigere Stegeinlage bestand meist aus einem keramischen Material. Das ganze System war in einer entsprechend großen Komplett-Ausfräsung des Steges untergebracht. Damit hatte die Stegeinlage keinen direkten Kontakt zum Steg, konnte dafür aber bequem ohne Saitenwechsel durch Verstellen der Schrauben höher oder tiefer gelegt werden.

Ende der 60er Jahre verschwanden diese Stege wieder und das nicht nur bei Gibson, sondern auch bei vielen japanischen Firmen, die die justierbaren Stege in der Zeit des Kopierens amerikanischer Gitarren mit übernommen hatten. Eine Stärke hatte diese Stegkonstruktion allerdings: Sustain. Viele Gibsons aus den 60er Jahren sind später nachträglich mit Normalstegen umgerüstet worden und haben durch diesen Eingriff den Klang einer Mittfünfziger-Gibson bekommen.

1962 erfolgte die Umbenennung der LG-2 in B-25, die LG-3 wurde zur B-25N, während die LG-1 und LG-0 ihre Bezeichnungen beibehielten. In der Zeit zwischen 1962 und ca. 1965 tauchten die berüchtigten Plastikstege auf, die mit 4 Schrauben von der Innenseite des Korpus gegen das Stegunterfutter mit der Decke verschraubt waren. Die Schrauben konnten mit dem Schlüssel für den Halsspannstab gelöst werden, so dass der Austausch eines Steges eine Angelegenheit von weniger als einer Stunde war. Es gab diese Stege in höhenverstellbarer Ausführung auf der B-25 (und den Jumbos), und nach herkömmlichem Vorbild auf der LG-1 und der LG-0. In der gleichen Zeit experimentierte man bei Gibson auch mit geschichtetem Holz für das Stegunterfutter. Beide Maßnahmen warfen in der Folgezeit ganz erhebliche strukturelle Probleme auf, denn Gibsongitarren wurden auch in dieser Zeit mit einer für Flattops relativ starken Deckenwölbung gebaut. Das für das Stegunterfutter verwendete Schichtholz sollte mehr Stabilität bringen. Diese Rechnung ging jedoch nicht auf, denn das Schichtholz war bei aller Stabilität so windungssteif, dass es eine leichte Veränderung der Deckenwölbung oft nicht mitvollziehen konnte. Ähnliche Probleme brachten oft die Plastikstege mit sich. Die Schrauben konnten sich auch im Verlauf der Zeit lockern und es kam häufig vor, dass die Stege einrissen weil sie die zunehmende Deckenwölbung nicht mit-vollziehen konnten. Viele Gibsons aus dieser Zeit sind wegen häufiger Probleme nachträglich mit Holzstegen umgerüstet worden, so wie die beiden hier vorgestellten Gitarren die keinen Originalsteg mehr besitzen. Als sich die Probleme abzeichneten kehrte man bei Gibson schleunigst wieder zu den justierbaren Stegen aus Holz zurück.

Im Anschluss gab es nur noch zwei bedeutsame konstruktive Veränderungen: 1967, ein Jahr nach den Jumbos, bekam auch die B-25 einen schmaleren Hals, und 1970 kam das Ende für die höhenjustierbaren Stege. In dieser Form überlebte die B-25N als letztes Modell der ursprünglichen LG-Serie.

  

Billig-Gitarren?

Am Image der „Billiggitarre“ trägt sicherlich Gibson selbst eine Mitschuld. Die in enormen Stückzahlen verkaufte LG-0 wurde beispielsweise folgendermaßen angepriesen: „A top seller, favoured by students, teachers, strolling players and anyone who wants to have fun with the guitar“. Richtig ist, abgesehen von der CF 100, dass auch die Spitzenmodelle LG-3/LG-2 äußerst schlicht gehalten sind. Die LG-Serie endet in ihrer Ausstattung praktisch dort, wo die Linie der größeren Gitarren mit der J-50/J-45 beginnt. Richtig ist auch, dass man bei den unteren Modellen mehr und mehr gespart hat und dass größere Gitarren in solchen Sparversionen unter dem Gibson-Logo niemals gebaut wurden. Betrachtet man allerdings genauer, wo bei den einfacheren Modellen gespart wurde, so wird deutlich, dass Gibson auch bei diesen Modellen in Grundqualität und Klang ein hohes Niveau gehalten hat. „…brings you Gibson quality at Gibson`s lowest price.“ Selbst eine LG-0 ist immer noch von so hoher – eben Gibson-Qualität, dass sie bei guter Behandlung ein Menschenleben bequem überdauern kann .

Zugegeben, die LG-1 und die LG-0 sind durch die querbeleisteten Decken im Vergleich zum heutigen Standard etwas minderbemittelt und auch ihr Klang ist anders, als man es heute gewohnt ist. Er gibt sich deutlich „kratziger“ oder auch „näselnder“ als der der X-beleisteten Gitarren. Querbeleistete Gitarren sind allerdings häufig hervorragende Slide-Gitarren und allgemein sehr gute Bluesgitarren, da machen auch die LGs keine Ausnahme. J.B. Lenoir ist in den 60er Jahren live auch in Deutschland mit einer LG-0 aufgetreten und mit aller Wahrscheinlichkeit hat er damit, auf dem 1965 eingespielten Album „Alabama Blues“, eine der bedeutsamsten  Nachkriegsaufnahmen des Blues eingespielt.

Die LG-2 und die LG-3 sind, wie die J-45 / J-50, Gitarren, die professionellen Ansprüchen auch heute noch voll gerecht werden. Auch Johnny Shines und Furry Lewis, zwei weitere bedeutende Bluesmusiker, haben über viele Jahre hinweg eine B-25 bzw. B-25N gespielt und mit diesen Gitarren auch aufgenommen.

Bedingt durch Konstruktionsunterschiede kann das Baujahr allerdings für den Klang sehr entscheidend sein, viel entscheidender als etwa bei Martin-Gitarren, an denen weitaus weniger experimentiert wurde. Wenn man bedenkt, dass Gibson heute die J-45 / J-50 in einer Qualität anbietet, die die der 50er Jahre in mancherlei Hinsicht übertrifft, und dass auch hier dem Trend zu kleineren Gitarren durch mehrere Re-Issues entsprochen wurde, kann man schon zu Recht bei Gibson anklopfen und fragen: Wann endlich kommt die längst überfällige Neuauflage der LG-2/LG-3...

 

Zurück