OM - "Orchestra Model"

 Ohne in Superlative verfallen zu wollen kann besten Gewissens behauptet werden, dass in dieser Folge zum ersten mal von einem "revolutionären Design" in der Entwicklungsgeschichte der akustischen Flattop-Gitarre gesprochen werden darf. Was Konkurrent Gibson bereits Jahre zuvor auf dem Archtopsektor mit der L-5 gelungen war, sollte in ähnlicher Weise Martins neue OM für die Westerngitarre darstellen.

 

Geschichte

Wir blicken noch einmal kurz zurück ins Jahr 1922, als die Martin Company nach den ersten Hawaii-Modellen damit begann, ihre Serienmodelle nach und nach auf den höheren Zug von Stahlsaiten auszurichten bis schließlich 1928 die komplette Produktpalette dahingehend festgelegt war und Darmsaitengitarren noch lediglich auf "Special-Order-Basis" erhältlich waren. Diese Umstellung basierte allerdings im Wesentlichen auf der Verwendung stätkerer Decken und Beleistungen, die grundlegenden Designs entsprachen nach wie vor derer des 19. Jahrhunderts (siehe auch AG 5/99 und AG6/99). Aufgrund des Ukulele Booms der 20er Jahre und dem damit verbundenen Produktionsaufwand der hohen Stückzahlen hatte man bei Martin auch alle Hände voll zu tun und kaum die Zeit, sich um grundsätzliche Konstruktionänderungen der neuen Westerngitarren Gedanken zu machen.

Der aus Atlanta stammende Banjospieler Perry Bechtel sollte es schließlich sein, der durch seine klar definierten Anforderungen an die Gitarre die Martin Company zu neuen Überlegungen anregte. Dem allgemeinen Trend der Zeit folgend, wurde in "Dance Bands" und"Orchestras" der weichere Ton der Gitarre dem aggresiven Banjosound zunehmend vorgezogen und eine Vielzahl von Banjospielern dazu bewegt, auf die Gitarre zu wechseln. Auf Plectrum- oder Tenorgitarren konnten die gewohnten Spieleigenschaften des Banjos zwar recht problemlos übertragen werden, doch stellte sich alsbald heraus, dass die tonlichen Eigenarten der Gitarre eine andere Spieltechnik, Stimmung und Besaitung als beim Banjo forderten, eben die einer Gitarre. Daraus ergab sich Bechtels Forderung an Martin, einen Kompromiß zu finden, die Bedürfnisse des Banjospielers mit den Eigenschaften der Gitarre in Einklang zu bringen. Im Einzelnen sah dies folgender Maßen aus: einen möglichst kraftvollen Ton - sprich großen Korpus, fünfzehn frei bespielbare Bünde und eine, dem Plectrum Banjo entsprechende, 27 Zoll Mensur. Diese Vorstellungen teilte Bechtel im Frühsommer 1929 Frank Henry Martin und dessen Sohn C.F.Martin (dem Dritten) mit, die sich sogleich mit ihrem Vorarbeiter John Deichmann daran machten eine Lösung herbei zu führen. Als Basis soltte die bis dato größte und lauteste Martin, die 12 bündige OOO dienen, doch war man sich schnell einig, dass Bechtels Vorschläge allzu extrem waren und allenfalls ein dahingehender Kompromiss praktikabel erschien. Dieser wurde von Deichmann auch gefunden und in Form der späteren OM fachmännisch umgesetzt. Die oberen Schultern der OOO wurden auf den vierzehnten Bund heruntergezogen, der untere Teil des Korpuses aus ästhetischen Gründen leicht angepasst, der Steg und das Bracing rückten entsprechend näher an das Schallloch, die Kopfplatte wurde entgegen der bisher üblichen durchbrochenen Bauweise massiv ausgeführt und zu guter letzt mit Banjotunern bestückt. In Sachen Mensur erschien eine größere Länge als die bisher übliche Longscale Mensur der OOO aufgrund der zu hohen Spannungsverhältnisse der Gitarrenstimmung als unmöglich (es gilt zu beachten, dass damals fast ausschließlich Heavy Gauge Saiten erhältlich waren, die ohnehin einen hohen Zug aufwiesen). Einen kleinen Schritt den Banjospielern entgegen machte man letztlich noch mit der Verringerung der Halsbreite von 1 7/8 auf 1 3/4 Zoll.

Circa sechs Prototypen mit diesen Spezifikationen wurden im Sommer 1929 im Stil 28, mit Pyramidensteg und noch ohne Schlagbrett gebaut. Bereits im kommenden Jahr sollten vier Varianten der neuen OM im Martin Katalog zu finden sein: OM-18 (Mahagoni), OM-28 (Rosewood/Heringbone), OM-45 (Rosewood, Perlmuttränder) und die bis heute einzigartige OM-45 Deluxe (mit zusätzlichen Inlays im Pickguard und Steg). Sie alle wiesen inzwischen den vergrößerten Belly-Steg mit stärker kompensierter Stegeinlage und ein kleines, einlackiertes Schlagbrett auf.

Entgegen aller Erwartungen blieb das angestrebte Klientel der Dancebands- und Orchester-Musiker jedoch weitgehend den Jazzgitarren von Gibson und Epiphone treu, doch eröffnete sich der bis dahin so konservativen Martin Company (eher unfreiwillig) ein völlig neuer Markt . Äusserst populäre Westernswing und Cowboybands nahmen sich begeistert dem neuen Modell an, allen voran die "Sons of the Pioneers" mit ihrem späteren Superstar Roy Rogers, damals noch unter seinem bürgerlichen Namen Leonard Slye bekannt. Von diesem Klientel wurde aus optischen Gründen zunehmend die optional erhältliche Sunburst Lackierung bevorzugt, die vor allem bei der häufig gebauten OM-18 vorzufinden ist. Weitere Modifikationen folgten dann 1931 in Gestalt konventioneller Einzelmechaniken, vergrößertem Pickguard und (bis dahin bei der von Understatement gekennzeichneten Martin Company absolut unüblich) dem heute längst gewohnten Martin-Schriftzug auf der Kopfplatte. Als notwendige Anpassung an den hohen Zug der Stahlsaiten wurde ein weiteres Jahr später nochmals die Statik überarbeitet, das Halsprofil in Richtung Halsfuß leicht verstärkt und sowohl die Deckenstärke als auch das OM typische "1/4 Zoll Scalloped Bracing" etwas kräftiger ausgeführt.

Doch der Knockout für das gerade mal fünf Jahre alte "revolutionäre" Design der OM drohte bereits durch einen weiteren Durchbruch in der Geschichte der Westerngitarre - der Dreadnaught. Diese wurde zwar bereits seit einigen Jahren in einer 12-bündigen Ausführung angeboten, doch waren die geringen Stückzahlen bis dato keine ernst zu nehmende Konkurrenz für die populäre OM gewesen. Mit der Umstellung auf das 14-Bund Design sollte dies sich jedoch schlagartig ändern. Das Jahr 1934 kennzeichnet einen weiteren bedeutungsvollen Wendepunkt in der Martin Geschichte, denn neben der Präsentation der neuen Dreadnaught wurden auch die O und OO Modelle weitgehend auf das von der OM geprägte 14-Bund Design umgestellt.. Da die bisherige 12-Bund OOO nun ebenfalls aus den Martinlisten verschwunden war, wurde deren Bezeichnung für die bisherige OM übernommen. Kurioser Weise behielt die Dreadnaught die lange Mensur, während man sich im Falle der OOO dafür entschied, deren Mensur in Einklang mit der O und OO auf das verkürzte Maß abzuändern. Neben der ursrünglichen Bezeichnung "OM" war nun auch ein wesentliches Konstruktionsdetail dieser Bauform verschwunden und ihr vorzeitiges Ende besiegelt.

In nur fünf Jahren Bauzeit wurden 765 OM-18, 487 OM-28, 2 OM-42 (Custom Orders), 40 OM-45 und lediglich 14 OM-45 Deluxe hergestellt. Ihr Nachfolger, die 14-Bund OOO konnte sich im Laufe der 30er Jahre kaum mehr gegen die neuen, großen Gitarren durchsetzen - Dreadnaughts und Jumbos beherrschten plötzlich den Markt und ließen für einen Zeitraum von rund vierzig Jahren alle kleineren Bauformen mehr oder weniger in Vergessenheit geraten.

 

Das Revival

Das Folk-Revival der 60er Jahre weckte auch wieder ein verstärktes Interesse an guten Akustikgitarren, doch war der Markt noch immer von vornehmlich großvolumigen Instrumenten geprägt. Eine verhältnismäßig kleine Gruppe an Händlern und Spielern, unter ihnen Marc Silber, Jon Lundberg, Stefan Grossman, Roy Book Binder oder Eric Schoenberg begannen zu diesem Zeitpunkt die Qualitäten der alten OM`s, speziell für den Fingerstyle Bereich; lange vor den Herstellern selbst wieder zu entdecken. Diese waren jedoch damals noch weitaus schwieriger, wenn auch wesentlich günstiger als heute zu finden und zu erwerben. Eine erste Sonderbestellung des "Folklore Centers", einer der aktiven Läden der Szene jener Zeit, von sechs OM-28 ließen die Martin Company nach 35 Jahren zum ersten mal ihr altes und längst vergessenes Konzept erneut aufleben. Der wohl größte Förderer und Verfechter dieses Baukonzeptes, Eric Schoenberg, wechselte aufgrund der besseren Erreichbarkeit der oberen Lagen von der 12-fret OOO zur OM und begann postwendend sie für den Fingerstylegitarristen zu empfehlen. Elf Jahre nach der ersten Neuauflage bestellte er als Pilotprojekt für den neu entstandenen Martin Custom Shop sechs OM-45 für seinen Laden, das "Music Emporium", die wie die ersten Partie noch mit der Bezeichnung "SOM" ausgeliefert wurden. Nun endlich übernahm Martin das bewährte Modell wieder in die aktuellen Preislisten, zunächst jedoch lediglich in der aufwendigen 45er Ausstattung, mit ostindischem Palisander und dem Prewar typischen "Scalloped Bracing".

Unter den ersten kleineren Herstellern die die OM in ihre Modellreihe übernahmen waren Nick Kukich von der Franklin Guitar Co., Bill Collings und Richard Hoover. Letzterer begann 1982 mit seiner Santa Cruz Guitar Company OM Replicate zu bauen, mittlerweile hat haben sie in der Gunst der Kunden längst die Spitzenposition inne und selbst die legendäre Dreadnaught verdrängt. Auch Eric Schoenberg selbst griff 1986 in die Produktion neuer OM`s ein, bildete eine Partnerschaft mit Gitarrenbauer und Restaurator Dana Bourgeois und traf mit Martin eine recht ungewöhnliche Vereinbarung. Die Instrumente trugen Schoenbergs Namen, der mit Bourgeois das Holz lieferte, die Decken fertigte und abstimmte, sowie das final Setup machte. Sämtliche andere Arbeiten wurden von der Martin Company übernommen. Als Dana Bourgeois schließlich 1990 dieses Unternehmen verließ um seine eigene Firma zu etablieren wurde seine Position durch T.J. Thompson erstezt, der mit Schoenberg und Martin das Projekt bis 1994 fortführte. In diesem Zeitraum entstanden circa 300 Schoenberg Soloists, zu größtem Teil aus Brazilian Rosewood und mit Cutaway gefertigt. Unter Zusammenarbeit mit dem Luthier Julius Borges führte Schoenberg seinen Enthusiasmus für die OM und die 12-fret OOO mit eindruckvollen Instrumenten weiterhin fort.

 

Heute

Es gibt kaum einen aktuellen Hersteller, der heute keine Inerpretation der OM in seiner Produktpalette führt. Für die Fingerpicker hat sich längst eine Bauform ähnlich der OM als optimale Größe in Bezug auf die tonliche Ausgewogenheit, die Klarheit und die Trennschärfe herasukristallisiert. Egal ob es nun die "Concert" von Taylor, die "M" von Lakewood oder moderne Inpretationen anderer Hersteller sind, sie alle gehen in gewisser Weise auf das alte OM-Konzept zurück und bilden über weite Bereiche die Alternative zu großvolumigen Dreadnaughts oder Jumbos. Eine echte OM, unerheblich von welchem Hersteller sie auch gefertigt wurde, ist jedoch von sehr klar definierten Baudetails bestimmt, dies sind: Auditorium Size (15 Zoll), lange Mensur (25.4 Zoll), Korpusübergang am 14. Bund, breiter Hals und String-Spacing und ein leichtes 1/4 Zoll Scalloped Bracing.

Es dauerte all zu lange, bis sich Schöpfer Martin selbst dazu entschloß, die OM auch wieder in günstigeren Varianten als den teuren 45ern anzubieten, genau gesagt bis ins Jahr 1991, als die OM-21 und vor allem die OM-28 erneut die Martin Liste zierte. Fünf Jahre später folgte ein Limited Edition von 94 Exemplaren der "Perry Bechtel", im selben Jahr im Rahmen der Vintage Serie die OM-28 VR und 1998 die OM Paul Simon mit egenen Spezifikationen. Natürlich blieb auch Dana Bourgeois seiner alten Liebe treu und bietet neben vielfältigen anderen Modellen die OM in eigenem Design an. Recht nah am Original sind nach wie vor die OM`s von Collings, der Santa Cruz Guitar Company oder auch Henkes und Blazer. Eine Vielzahl kleiner Gitarrenbauer auf der ganzen Welt bieten darüber hinaus die neben der Dreadnaught populärste Bauform der akustischen Stahlsaitengitarre natürlich in unzähligen Ausführungen an.

Vom Orchester der 20er Jahre bis zur modernen Fingerpicking Gitarre des 21. Jahrtausends hat die OM in beeindruckender Weise ihre Vielseitigkeit und ihre stimmige Gesamtkonzeption unter Beweis gestellt.

 

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