Muddy Waters (McKinley Morganfield 1915 – 1983)

 

Rein statistisch betrachtet werden von der breiten Masse zwei Musiker am häufigsten mit dem Blues assoziiert – B.B. King und Muddy Waters. Sie sind in Hinblick auf die Entwicklung dieser Musik, insbesondere deren elektrisches Kapitel und deren Einfluss auf die Rockmusik von unvergleichbarer Bedeutung. Ebenso unvergleichbar und eigenständig haben beide Musiker den Blues auf ihre persönliche Art und Weise charakterisiert und festgelegt.

Muddy Waters hat darüber hinaus den direkten Übergang vom sehr ursprünglichen Delta Blues, mit dem er aufwuchs und den er noch selbst lebte und praktizierte, hinein in den elektrischen Chicago Blues unmittelbar als stilbildender Akteur vollzogen. Obwohl seine bedeutendste Phase während der späten 40er bis in die frühen 60er Jahre in Chicago zu sehen ist, sind seine wenigen frühen Aufnahmen von 1941 und 1942 historisch von hohem Wert.

Diese Recordings sind wieder einmal dem Engagement des Blues- und Folkloreforschers Alan Lomax und der Unterstützung des Library of Congress zu verdanken, die ab 1933 weder den persönlichen Einsatz, noch die notwendigen Mittel scheuten, ein heute einzigartiges Erbe amerikanischen Kulturgutes in Form von unzähligen Interviews und Aufnahmen zu dokumentierten.

Als sich Alan Lomax 1941 auf die Reise in das Herzen des Mississippi Deltas begibt wird er von John Work, seines Zeichens Mitarbeiter der Fisk University, die das Unternehmen sponsored, begleitet. Eigentlich ist er noch immer auf der Suche nach dem legendären Robert Johnson, der jedoch, ist seit Jahren tot. Statt dessen stoßen sie auf einen Traktorfahrer der Stovall Plantation in der Nähe von Clarksdale – Muddy Waters. Jener spielt am Abend mit einer kleiner Stringband, bestehend aus Gitarre, Mandoline und Geige in den umliegenden Kneipen und Juke Joints und praktiziert dabei unverfälscht den authentischen Delta Blues, geprägt von Bottleneck-Gitarre und seinem unverkennbaren Gesang. Zwei Sessions werden im Sommer 1941 auf Band gebracht, darunter Titel wie „Country Blues“ (Waters Version des „Walking Blues“ von Son House) und „I Be`s Troubled“, gespickt mit historisch beeindruckenden Interviews, geführt von John Work. Da der verarmte Morganfield zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal eine eigene Gitarre besitzt, werden diese ersten Aufnahmen mit einer Martin, die Mr. Lomax gehört, eingespielt. Die ruhige und unverfälschte Ausstrahlung Waters fasziniert die beiden und bereits ein Jahr später entstehen zwei weitere Sessions. Hier sind bekannte Titel wie „You`re Gonna Miss Me When I`m Gone“, „Take A Walk With Me“ oder Robrt Johnsons, den er neben Son House als seinen größten Einfluss angibt, „32-20 Blues“ zu finden.

Geboren wird McKinley Morganfield, so sein bürgerlicher Name, am 4. April 1915 in Rolling Fork / Mississippi. Seine Eltern Ollie Morganfield und Berta Jones sind einfache Landarbeiter und haben zwölf Kinder, die sie mit Hilfe der Verwandtschaft heranziehen. Der kleine Muddy kommt mit seiner Großmutter auf die Stovall Plantation, wo er in einigermaßen geregelten Verhältnissen aufwächst und ebenfalls in der Landwirtschaft tätig wird.

Als er in seinen Teens die erste Gitarre für 2$ 50Cents ersteht und schnell den selben Betrag für einen Abend in einer der umliegenden Kneipen erhält steht für ihn fest, dass er sich auf dem rechten Weg befindet. Der Groschen fällt schließlich, als Son House für vier Wochen im nahen Clarksdale unter Vertrag ist und der junge Muddy Waters (wie er bereits seit seiner Kindheit genannt wird) keinen Abend verpasst, diesen großen, alten Mann des Delta Blues zu sehen. Bis zu seinem Tode gibt Waters Son House als seinen uneingeschränkt grössten Einfluss an.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben treibt es Waters 1943 schließlich nach Chicago, wo er zu einem der Hauptbegründer des Chicago Blues wird. Sein direktes und ungeschöntes Slidespiel hebt sich in hartem Kontrast vom weichen, Jazz-orientierten Großstadtblues der 40er ab. Dieses, durch Mark und Bein gehende Markenzeichen Muddy Waters charakterisiert sein unverwechselbares Image sein Leben lang. Er transformiert Son House`s Slidestil unmittelbar auf die elektrische Gitarre, trotzt sonstigen Strömungen und Trends und wird so über weite Strecken zu der Symbolfigur des Chicagoblues.

Die Gebrüder Chess, unter deren Label während der 50er Jahre eine Vielzahl stilbildender Chicagoblues Klassiker eingespielt werden, nehmen Waters schließlich unter Vertrag. An Waters Seite sind im Laufe der Jahre Musiker zu finden, deren Namen sich wie das „Who is Who“ des Chicagoblues lesen: Big Bill Broonzey, Sonny Boy Williamson, Jimmy Rogers, Little Walter, Otis Spann, James Cotton, Junior Wells, Buddy Guy, Earl Hooker und schließlich der Bassist Willie Dixon, der auch etliche von Watrers Hits geschrieben hat.

Während der 60er, als sich das schwarze Publikum anderer musikalischer Strömungen zuwendet wird Waters verstärkt zur Vaterfigur junger weißer Musiker. Die Rolling Stones benennen sich nach Waters gleichnamigem Hit und Paul Butterfield wird zum Mundharmonika Spieler in Waters Band.

Vielleicht war Muddy Waters der einzige Blueser der in der Lage war, den traditionellen Delta Blues auf seinem Weg in das elektrische Zeitalter zu modernisieren, ohne sich dabei angrenzender Bluesformen bedienen zu müssen. Wesentliche Stilelemente, wie seine prägnanten Slidelicks oder eingängigen Basslinien  können erstaunlicher Weise bereits auf den akustischen Field Recordings von Alan Lomax ausgemacht werden – ein Indiz, wie ausgeprägt sich Muddy Waters musikalisch treu blieb und unbeeindruckt sich selbst und seine Musik verkörperte.

 

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